Jahrgang 
1903
Seite
V
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Fremdenführer durch Gießen. V

letzteren sind reichhaltig und sehenswerth.

ir biegen in die Liebig-Straße ein und haben zur Rechten neben dem Hauptsteueramt dieschirurgische und ophthalmologische Univer⸗ sitäts⸗Klinik, in deren westlichem Flügel einst Justus von Liebig sein weltberühmtes Laboratorium eingerichtet hatte. Gleich darauf wenden wir uns links, die Frankfurter Straße hinab, die früher den Namen Seltersberg führte, und deren Fortsetzung nach Norden der Seltersweg, die Hauptverkehrsader der Stadt, bildet. Die beiden Namen erinnern noch an jenen oben erwähnten ausgegangenen Ort Selters(Saltrissa). An dem Eingange der Innenstadt, wo die Anlagen die Straße kreuzen, stehen zwei ehemalige Thorhäuschen, 1810 erbaut. Jedes der früheren 4 Thore weist solche Häuschen auf, die jetzt den mannigfachsten Zwecken dienen. Das uns zunächst liegende, das östliche am Seltersweg, enthält die Räume der öffentlichen Lese- und Bücher- halle, die jeden Abend von 610 Uhr zu unentgeltlichem Besuche geöffnet ist (Sonntags nur von 111 Uhr). Der Seltersweg führt uns vorbei an dem vorbildlich eingerichteten Volks bad mitten in die Stadt über den Kreuz⸗ platz zur Mäusburg. Hier treffen wir die Grenze der ältesten Stadtanlage und gelangen wenige Schritte weiter zum Marktplatz, der durch sein alter thümliches Ansehen angenehm berührt. An ihm finden wir das kürzlich wieder hergestellte, in seinen ältesten Teilen vielleicht aus dem Anfang des 16. Jahr hunderts stammende Rathhaus, das die typische Form hessischer Rathhäuser mit der unteren großen Halle aufweist. Heute beherbergt es das Museum des Oberhessischen Geschichtsvereins, das sich durch reichhaltige Sammlungen aus prä historischer und der römischen Zeit und durch eine schöne Münzsammlnng aus⸗ zeichnet. An der Breitseite des Marktes

erhebt sich ein stattlicher Holzbau aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts, die Hirschapotheke. Hier wurde am 1. März 1610 der als Geschichts lehrer, Philosoph und Theolog berühmte Johann Balth. Schupp geboren, der am 25. Oktober 1648 zu Münster die Friedenspredigt hielt. Vor diesen Häusern strebt das neue Kriegerden k⸗ mal, von dem Darmstädter Bildhauer Habich 1900 entworfen und ausge⸗ führt, empor. Vom Marktplatz gelangen wir unmittelbar zum Kirchenplatz mit der neuerdings umgebauten Stadt kirche. Diese wurde an Stelle der alten 1520 geweihten Pankratius⸗Kirche errichtet und 1821 vollendet. Sie gilt als Typus des damaligen Kirchenbau stiles. Der von ihr getrennt stehende Thurm gehörte noch zur alten Kirche; laut einer Inschrift ister 1484 begonnen worden. Hinter der Kirche stehen mehrere alte Holzbauten, von denen das Leib'sche Haus das interessanteste ist. Hier be⸗ fanden sich Wohnhäuser der ehemaligen Burgmannen an der Umfassungsmauer des ältesten Stadttheils. Name(am Burggraben) und Reste der alten Mauer weisen noch auf diese Verhältnisse hin. Auch die der Kirche gegenüberliegende Engelapotheke ist ein altes Burg⸗ mannenhaus. Jenseits des Kirchenplatzes amEinhorn dem ältesten Gasthof Gießens vorbei führt uns der Weg über den Lindenplatz, auf dem ehemals die Gerichtslinde stand, an den Markt lauben entlang nach demBrand. Der Name ist die letzte Erinnerung an eine riesige Feuersbrunst, die auf Pfingsten 1560 durch Blitzschlag ent⸗ standen, 168 Häuser vernichtete. Gleich an der Ecke finden wir ein neues statt liches Gebäude, dasTh urmhaus am Brand, dessen untere Räume die Feuerlöschgeräthschaften bergen, während sich im Oberstock die Wanderausstellung des Kunstvereins(Bildergallerie) befindet. Gegenüber wird gegenwärtig