Fremdenführer durch Giehen.
Noch vor zwanzig Jahren war die Hauptstadt der Provinz Oberhessen trotz ihrer überaus günstigen Lage an dem Schnittpunkt mehrerer Eisenbahnlinien ein Ort, an dem der Fremdenstrom bei⸗ nahe achtlos vorüberging. Die schöne Lage an der Lahn, die liebliche Um⸗ gebung mit ihren endlosen Wäldern und romantischen Burgruinen auf ragenden Höhen, Vorzüge, die schon vor mehr als hundert Jahren den bekannten Reichs⸗ freiherrn Renatus Karl v. Senckenberg unserer Stadt den Vorrang vor den meisten Städten Europas zuerkennen ließen, vermochten nicht, den Fremden zu kurzem Aufenthalt zu verlocken. Der Grund dieser Erscheinung mag wohl in der Unansehnlichkeit der damaligen In⸗ nenstadt zu suchen sein. Seitdem hat sich viel, ja fast alles, geändert. Zwar sind die alten Straßen dieselben geblieben, aber sie haben ein anderes Aussehen bekommen. In der Bevölkerung er— wachte und breitete sich aus der Sinn für das Historische. Man entdeckte, daß Gießen eine ganze Reihe bemerkens⸗ werther alter Bauten besaß, und ließ es sich angelegen sein, sie würdig wieder⸗— herzustellen. Die hübsche— für Hessen so charakteristische— Holzkonstruktion vieler Bürgerhäuser war unter unschein⸗ barer Tünche verborgen. Jetzt kam sie wieder zu Ehren, und wo der Nachbar einen Umbau vornehmen mußte, paßte er sein Haus der Umgebung an. So erhielt die Altstadt das ihr in früheren Zeiten eigenthümliche malerische Ansehen zurück. Aber auch Handel und Wandel
hatten sich mächtig gehoben. Die in Gießen schon lange blühenden Indu⸗ strien hatten sich bedeutend vergrößert, neue Eisen-, Thon- und Kalkwerke waren errichtet worden und in Bezug auf Cigarren- und Tabakfabrikation war Gießen an eine hervorragende Stelle in Deutschland gerückt. Auch die Universi⸗ tät, ein bedeutender Faktor in unserem öffentlichen Leben, hat ihre Lehrstühle erheblich vermehrt und ihre Studenten⸗ zahl nahezu verdoppelt. Aeußerlich zeigt sich dieser allgemeine Aufschwung in dem Anwachsen der Bevölkerung, die seit 1880 um die Hälfte ihrer damaligen Ziffer gestiegen ist, und in der Ent⸗ stehung neuer Stadttheile, die zum Theil reizende Villenviertel aufweisen.
Die Anfänge der Stadt reichen in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück. Vom Gleiberg aus wurde an der Stelle des alten Schlosses am Brand zum Schutze des gleichfalls dem Glei⸗ berger Grafengeschlecht seine Entstehung verdankenden Augustiner-Slifts Schiffen— berg eine Wasserburg errichtet, die 1197 zum erstenmale unter dem Namen„zu den Gyezen“ urkundlich erscheint und sich bald zu einer Stadt erweitert. Nach dem Aussterben des Gleiberger Grafen— hauses fällt Gießen durch Erbgang im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts an die Pfalzgrafen von Tübingen, aus deren Hand es zwischen 1264 und 1265 wahr⸗ scheinlich durch Kauf in den Besitz der Landgrafen von Hessen übergeht. Schon frühe hatte die Stadt als befestigter Ort und als Sitz eines Gerichts— 1250


