Jahrgang 
1901
Seite
IV
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eigentlichen Kern der Stadt herum und ausch die engeren Stadttheile werden ständig durch Neubauten und prächtige Geschäfts häuser verschönert. Die neuen auf der Höhe ihrer Aufgabe stehenden Universitäts⸗ institute, die Johanneskirche, die neuen Kasernen sind Bauten, die große Opfer gefordert haben. Für eine neue Bahnhofs⸗ anlage, die den mächtigen Verkehr Gießens beherrschen kann, sind bereits Mill. Mk. bewilligt. Fast die ganze Stadt umgiebt ein Ring der herrlichsten Anlagen. Viele Errungenschaften der Neuzeit hat sich die Stadt zu Nutze gemacht und un⸗ ermüdlich wird an ihrem Ausbau ge⸗ arbeitet. Sie besitzt Gas- und Wasser⸗ versorgung; ein Electricitätswerk und die Kanalisation der Stadt stehen im Begriff eingeführt zu werden. Vorzügliche Schulen sind vorhanden. Ein musterhaftes Volks⸗ bad, Schwesternhäuser, eine Volkslesehalle und viele gemeinnützige Anstalten aller Art sorgen für das Wohl der Einwohner. Stadttheater, Kunstausstellungen, vor⸗ zügliche Concerte und Vorträge werden gepflegt. Rege Vereinsthätigkeit ist auf allen Gebieten bemerkbar.

Eine große Reihe von Behörden hat in der Stadt ihren Sitz.

Gießens Detail-Handel bietet Alles, was weitgehende Ansprüche fordern können und die Industrie ist in stetigem Aufblühen. Die Tabakindustrie hat großen Ruf; Maschinen- und Metallwaarenfabrikation, Brauereien sind u. A. ebenfalls als Zweige hiesiger Industrie besonders her vorzuheben.

Die Stadt ist ein bedeutender Kreuz⸗ ungs⸗ und Ausgangspunkt von Eisen⸗ bahnen; hier münden die Linien von Frankfurt a /M., Cassel, Cöln, Coblenz, Fulda und Gelnhausen, sowie die Bieber⸗ thal⸗Nebenbahn, welche eine Reihe von Nachbarorten dem Verkehr erschließt. Für den inneren Verkehr ist eine lebhafte Omnibusverbindung auf mehreren Linien in der Stadt im Betrieb.

Die im August 1900 erfolgte Ernen⸗ nung des laͤngjährigen Oberbürgermeisters der Stadt, Herrn Gnauth, zum Prä⸗ sidenten des Finanzministeriums hat die Bevölkerung als einen schweren Verlust empfunden. Mit weit ausschauendenn Blick und seltener Energie hat Herr Gnauth die Geschicke der Stadt geleitet und rastlos an ihrem Aufblühen ge arbeitet. Die Stadt ernannte Präsident Gnauth zu ihrem Ehrenbürger; ein feierliches Abschiedsfest in Steins Garten, bei dem alle Klassen der Bürgerschaft vertreten waren, gab Kunde von dem Vertrauen und der großen Zuneigung, die er sich überall erworben.

Im Oktober wurde Herr Baurath Mecum, seither erster Beigeordnetertder Stadt Solingen, zum neuen Bürger meister Gießens erwäht.

Nachstehend einige kurze Notizen über bemerkenswerthe Gebäude und Einrichtungen der Stadt.

Altes Schloß.

Das älteste Gebäude der Stadt: Es steht an der Stelle einer alten von den Gleiberger Grafen als Schutz für das Kloster Schiffenberg erbauten Burg und wurde als Rittersitz um die Mitte

Brandplatz 28.

des 14. Jahrhunderts erbaut. Den Bergfried, ehemals Gefängniß, be

zeichnet der Volksmund als Heiden thurm. Mehrere Landgrafen bewohnten das Schloß. Es war vorwiegend der Sitz von Behörden. Bis 1763 bestand eine Brücken-Verbindung mit dem alten Universitäts-Gebäude. Im Jahre 186667 war das alte Schloß Kaserne. Es ist oftmals umgebaut, zuletzt 1860, zur Zeit aber im Verfalle. Demnächst wird es gründlich renovirt und wieder bewohnbar gemacht werden. Es ist vorgesehen, dem Landesherrn in diesem Schloß eine langentbehrte Wohnung bei seinen Besuchen der Stadt zu schaffen.