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aufgenommen und weitergebildet von Goethe und Schiller in ihrer Reifezeit, während Lessing im Nathan der schlichten prosaischen Rede möglichst nahe bleibt.
Zu der starken Erhebung über das Gewöhnliche, das diese Dichtersprache bringt, steht die Sprache von Sturm und Drang mit ihrem Willen und Wollen im schärfsten Gegensaz: sie will reine Natur sein. Aber es ist vielfach unechte, gekünstelte Natur, und so geht sie auch rasch vorüber. Aber die Betonung des Eigenen, des Lebendigen, ist geblieben, vorbereitet durch die Kenntnis altenglischer Volksdichtung, gefördert durch die Wiedererweckung des deutschen Altertums, zumal in den Veröffentlichungen Bodmers, gepredigt durch Hamann und Herder. Schon bei Bürger, beim Hainbund begegnen mundartliche Formen, werden abgestorbene Wörter neu belebt. Es erwächst die mundartliche Dichtung und die Dorfgeschichte, mit ausschließlicher oder weitgehender Verwendung der Mundart; in der neueren Zeit der mundartliche Roman, das mundartliche Drama, wobei sich namentlich Niederdeutschland hervortut. Auf der anderen Seite gedeiht der geschichtliche Roman, der in Scheffel und Gustav Freytag, in Kellers Meretlein, in Bruno Wille und HandelMazzetti vielfach Altdeutsches verwendet oder die Sprache des 17. Jahrh. nachzubilden sucht, wie dies auch Gerhart Hauptmann in seinem Florian Geyer unternimmt.
Gegen den geschichtlichen Roman und gegen andere Erstarrungen erfolgt ein Gegenschlag in einem neuen Geschlecht von Stürmern und Drängern. Diesmal kam es zu wirklich zuverlässiger Beobachtung der natürlichen Rede und zu ihrer getreuen Nachbildung, in Übereinstimmung mit den Forderungen von Sprachgelehrten, die den papiernen Stil lebhaft bekämpften, und diese Annäherung der schriftlichen Rede an die mündliche dauert bis heute fort. Eine besondere Wendung nimmt das Eintreten für das Eigene in der Heimatkunst, die eine starke Verwertung mundartlichen Sprachgutes bringt, und verwandt damit ist es, wenn den Fachsprachen, etwa der des Jägers oder der Tuchweberei, Einlaß in die Darstellung gewährt wird und diese schwer verständlich macht. Das Recht des Heimischen, das Recht des Lebendig- Einfachen vertritt auch der Allgemeine Deutsche Sprachverein mit seinen erfolgreichen Bestrebungen. Und die nationale Erhebung des großen Krieges hat das


