Aufsatz 
Zur Auffassung und Erklärung des Dramatischen
Entstehung
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Organismus des Dramas, die Auffassung wird schief und ein- seitig.1) Wem der Geist eines Werkes nicht zusagt, möge es ruhig beiseite legen: es wird meist darum nicht schade sein. Wenn wir schliesslich unter diesen Gesichtspunkten das deutsche Drama einteilen, unterscheiden wir: 1. das reine Charakterdrama, 2. das Schuld- oder Vergeltungsdrama.²) Die Unterabteilungen ergeben sich von selbst. Die Wirkung des ersteren ist reiner, ästhetisch tiefer, des letzteren erlösender, befreiender.

Im Anschlusse daran schildere ich die Schlusswirkung einer grossen Tragödie.²) Die Spannung hat sich gelöst. Der schwüle Druck der Athmosphäre, der uns beklommen machte, ist ge- wichen. Ein bewegtes Einzelbild aus der Menschheitsgeschichte ist im Fluge an uns vorübergezogen, und wie nach einem Ge- witter sich unserem Blicke wieder der lichte, blaue Himmel in seiner Gottesklarheit aufthut, während uns vom Horizont noch unheildüstere Wolken entgegenstarren, so zittern auch in unseren Herzen noch bange Erinnerungen an die erlebten Kämpfe nach, und doch schauen wir frei und neuerfrischt empor. So schwanken widersprechende Empfindungen durch unsere Seele, die in eine einheitliche, schmerzlich-süsse Stimmung verfliessen. Aus diesem Widerstreit sondern sich leicht zwei Gruppen von Ge- fühlen: die einen trüber, wehmütiger, niederdrückender Art, die andern belebend, trostreich, erhebend.

Vor allem erfüllt uns der Untergang des Helden mit herbem Schmerz. Dieser hat ein grosses Ziel verfolgt und ist an der Beschränktheit der irdischen Verhältnisse gescheitert, oder er ist (in der Vergeltungstragödie) mit all seinen reichen Gaben dem Dämon der Schuld zum Opfer gefallen. Denn mit jedem be- deutenden Menschen stirbt eine unersetzbare Individualität da- hin, jeder trägt etwas Eigenes, Sondergeartetes in sich, das er ins Grab mitnimmt, ohne dass es uns in seiner Art jemand er- setzen kann. Unbewusst verallgemeinern wir so den Gedanken. Gerade die hervorragenden Persönlichkeiten gehen durch fremdes oder eigenes Zuthun oft früher unter als die Alltagsmenschen, und schauernd erinnern wir uns des ernsten Weltgesetzes: dass alles Grosse und Überragende verstieben muss. Aber wir denken

¹) Vgl. noch Bettingen, p. 17.

*) Der Ausdruck ‚Vergeltungsdrama stammt von Kuno Fischer. *) In der Haupteinteilung schliesse ich mich an Volkelt an.