31
Gedanken ihr Leben widmet, zum Verbrecher herabsinkt? Gott- lob nicht! Solche„Schulden“ spucken nur in gelehrten Köpfen, die gesunde Wirklichkeit, in diesem Falle der naive Sinn des Zuhörers, empfindet sie nicht. Zu welchen Ungereimtheiten führte diese Annahme einer Schuld? Dann wäre Körners Zriny ent- weder gar kein Drama, oder die Schuld des Helden läge darin, dass er in geweihter Stunde, da alle verzagen, für die heilige Sache seines Vaterlandes sein Blut vergiesst. Von diesem ein- seitigen Standpunkte aus betrachtet, erweckt manches Drama nicht mehr das beruhigende Gefühl der moralischen Gerechtigkeit, sondern erhält einen bösen Beigeschmack des Gegenteils. Ver- gegenwärtigen wir uns selbst einen Charakter wie Brutus! In der lautersten Absicht vollbringt er die schwerste That seines Lebens. Man denke sich die überlegenen Gegenmächte weg, und Brutus wird zum würdigen Gegenbild des griechischen Thrasy- bulos. Wenn aber gelehrtes Haften am System sogar an Gestalten wie Ophelia, Desdemona, Julia eine Schuld heraustüftelte, so hat man ganz die Empfindung, der Volkelt ¹) treffenden Ausdruck verleiht:„Solchen Erklärungen gegenüber hat man das Gefühl, als ob täppische, rohe Hände in den Blütengarten der Shake- speareschen Dichtung griffen, um nach nahrhaftem Gemüse zu suchen.“ Ofters erreicht der Dichter gerade durch die Gegen- überstellung schuldbeladener und schuldreiner Charaktere seine besten Wirkungen. Wer überall Schuld wittert, dem entzieht sich das tiefere Verständnis mancher Schöpfung. ²) Daher ist der zu Missverständnissen führende Schuldbegriff überall zu ver- bannen, wo er nicht am Platze ist, besonders aus dem Schick- salsdrama. Was bedeutet die winzige Schuld des Königs Odipus neben seinem entsetzlichen Schicksale? Sie steht dazu in gar keinem Verhältnis.„Der Held ist zwar von jener kühnen und stolzen Art, die den Blitzstrahl gar leicht auf ihr Haupt herablenkt, aber sein hochgestimmter Mut steht zu den Gräueln, die ihm widerfahren, doch nicht entfernt in Beziehung.“³) Wenn wir jedoch die waltende Hand des Weltwillens darin erkennen, der den Ausgleich der gestörten sittlichen Weltordnung durch das tragische Geschick des Königs herbeiführt, die Entsühnung des
¹) Asthetik des Tragischen, p. 152.
²) Interessant ist hierin ein Vergleich zwischen den zahlreichen Be- arbeitungen des Agnes Bernauer Stoffes.
²) Bulthaupt, Dramaturgie III, p. 12


