Aufsatz 
Zur Auffassung und Erklärung des Dramatischen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

30

Sie(die Helden) unternehmen ein Wagnis, zu dessen Durch- führung ihre Natur nicht geeignet, ja die der entgegengesetzt ist, der das Wagnis gelingen könnte.¹) Dabei sind wieder drei Fälle möglich. Entweder liegen diese Grenzen in der Persön- lichkeit selbst. Portia im Julius Cäsar geht deswegen zu- grunde, weil sie die Last des Geheimnisses und der Wirklichkeit nicht zu ertragen vermag. Oder es können die übermächtigen Verhältnisse der Zeit, das einheitliche Zusammenwirken der Umgebung für den Helden die Klippe bilden, an welcher er zerschellt. Götz von Berlichingen verfällt dem Untergang nicht deshalb, weil er in der edelsten Absicht die Führung der Bauern übernimmt, sondern weil er der einzige Gute ist in einer ver- derbten Zeit. Die trostlosen Verhältnisse im Reich und die Ge- wissenlosigkeit seiner Gegner führen die Katastrophe herbei. Die dritte Art beruht darin, dass der tragische Held gleich dem Aar zur Sonne strebt und an den ewigen Schranken der Welt- ordnung selbst Schiffbruch leidet wie Prometheus, Faust, Manfred, nicht nach unabänderlicher Vorherbestimmung wie im Schicksalsdrama, sondern in freiem Hochfluge. Häufig greift natürlich ein Motiv in das andere über.

Die zweite Hauptgruppe in der Verknüpfung zwischen Charakter und Untergang bildet die tragische Schuld. Diese entspringt vor allem aus selbstsüchtigem, rücksichtslosem Handeln einer Persönlichkeit, die sich in brutaler Willkür jenseits von gut und bös stellen zu können vermeint. Da verlangt unser Gerechtigkeitsgefühl gebieterisch, dass die Nemesis den Frevel- thäter ereilt. Der Held kann jedoch auch ein edles Ziel ver- folgen und sich dabei in eine unheilvolle Schuld verstricken wie Johanna, die ihn alsdann dem Untergang entgegentreibt.

Lange Zeit ist die tragische Schuld, ein Lehrsatz der Schelling-Hegelschen Schule, zum Nachteil des Verständnisses als das Tragische zur' 2orν betrachtet worden, während sie in der That nur einen Zweig desselben darstellt. Diese pedantische Manier führte zu unbegreiflichen Ungeheuerlichkeiten, auch das Verlegenheitswortpoetische Schuld half nicht viel. Schuld bleibt eben Schuld. Ist es wirklich so traurig um die Mensch- heit bestellt, dass wir auf der Bühne nur Übelthäter sehen können, dass jede bedeutende Persönlichkeit, die einem grossen

¹) Otto Ludwig, Studien I, p. 67.