Aufsatz 
Zur Auffassung und Erklärung des Dramatischen
Entstehung
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Gefühls. Wir gehen in der Gefühlswelt des Helden auf und teilen alle seine schmerzlichen und erhebenden Empfindungen, darauf beschränkt sich jedoch die tragische Wirkung nicht, sie berührt in noch höherem Grade den Willen.¹) Die tragische Wirkung setzt sich also zusammen 1. aus der Attraktionsfähigkeit des Helden, der teils nur unsern Willen, teils unser Wollen und Fühlen fortreisst und uns zu starker Anteilnahme zwingt, 2. aus der an Gewissheit streifenden Besorgnis, dass das hochfahrende Streben des Helden eine Fahrt zum Tode bedeutet.

Ich gehe nunmehr auf die Darstellung der tragischen Schluss- wirkung über. Von den zZahlreichen Interpretationen der viel- genannten Definition des Aristoteles:duυέαιεέον ακαάι5νι πνασυοασα Tij, Td To⁴οτιν νυαιαια⁴ατιν αἀενιμασνł sagt am meisten Jakob Bernays' Erklärung ²) dem modernen Empfinden zu, weil er die Katharsis auf ihren rein ästhetischen Sinn als Bezeichnung der Akte des gefühlsmässigen Genusses, den die betreffenden Künste erregen, zurückführte.)) Der ästhetische Standpunkt ist und bleibt der bestimmende bei der Würdigung jedes Kunstwerks, also auch eines Dramas. Das rein Asthetische befriedigt immer auch unser moralisches Empfinden. Ich erinnere an die treffende Bemerkung Göthes:Ein gutes Kunstwerk kann und wird zwar moralische Folgen haben; aber moralische Zwecke vom Künstler fordern, heisst ihm sein Handwerk verderben. Von der Auffassung des tragischen Hauptkonflikts ist aber die tragische Schlussstimmung wesentlich abhängig. Anders wirkt der fluchbeladene Verbrecher, der die unverrückbaren Gesetze der sittlichen Weltordnung durch- brochen hat, anders der hochstrebende Held, der sich die Seele rein von Schuld bewahrt. Nach unserer Auffassung des Tragischen, die sich auf das germanische Drama gründet, sind zwei Arten der Verkettung zwischen Charakter und Untergang denkbar. Die eine Hauptgruppe gipfelt darin, dass der Wille des Helden an den Schranken der Wirklichkeit überhaupt scheitert, der seine ausserordentliche, aber einseitig ausgebildete Natur erliegt.

¹) Darum erscheint auch die Erklärung von EASog alsMitempfinden, die ohnehin gegen den Sprachgebrauch verstösst, als einseitig.

²)Die Tragödie bewirkt durch[Erregung von] Mitleid und Furcht die erleichternde Entladung solcher[mitleidigen und furchtsamen] Gemüts- Affektionen. J. Bernays in der berühmten Schrift: Grundzüge der verlorenen Abhandlung des Aristoteles über Wirkung der Tragödie 1858.

*) Döring im Phil. 21, 3(1864).