beherrscht ihn die Ahnung eines furchtbaren Ausgangs mit steigender Gewissheit. Von den tragischen Gefühlen, die Aristoteles aufstellt, Aros zu ¶οο, ist somit letzteres insofern zutreffend, als Furcht die Hoffnung entschieden überwiegt.(Ob übrigens dem Zuschauer ausser der wachsenden Besorgnis für den Helden auch noch die Furcht für die eigene Person während der Handlung zum Bewusstsein kommt, bezweifle ich.) Da- gegen deckt sich die erstere Bestimmung, Asoc, nicht mehr ganz mit dem modernen Standpunkte, selbst nicht für die griechische Tragödie auf moderner Bühne. Wer je eine Aufführung der Antigone oder des Odipus auf Kolonos erlebt hat, wird dies be- stätigen. Zu gross ist die Kluft zwischen antiker und christ- licher Weltanschauung. Deswegen erscheint mir das zähe Fest- halten an der Definition des Aristoteles unverständlich. Die Betonung von Furcht und Mitleid hat nicht immer die besten Früchte gezeitigt. Auch Lessing hat augenscheinlich in Emilia Galotti¹) zu bewusst auf Erregung von Mitleid und Furcht hin- gearbeitet, und dabei übersah der scharfsinnige Denker die lose Motivierung der Katastrophe, während Schiller trotz ähnlicher Theorien dank seiner glücklichen Begabung die richtigen Bahnen ging. Der Begriff des Mitleids bedarf einer wesentlichen Er- weiterung. Wenn sich Koriolan widerwillig im„Bettlergewande“ auf das Forum begibt, um die Bürger um ihre Stimmen anzu- gehen, so können wir unsere Empfindung noch Mitleid nennen. Wenn er aber im stolzen Gefühle seines Wertes der urteilslosen Menge derbe Wahrheiten ins Gesicht schleudert, dann ist von Mitleid nicht mehr die Rede, und wie gar sein Unmut in den ungeheuren Worten sich entlädt:„Ich banne euch“, da erfüllt die höchste Bewunderung unser Herz. Jeder würde, von dem überquellenden Willensdrange des Helden fortgerissen, in diesem Augenblicke geradeso handeln, allerdings nur in diesem Augen- blicke. Überhaupt gibt nicht das verstandesmässige Lesen, sondern der Eindruck während der Aufführung den Ausschlag. Mitleid hegt man doch nur mit dem, der unter einem steht; und wer steht in diesem Augenblicke über dem Helden von Korioli? Die gleichen Beobachtungen liessen sich auf alle Dramen grossen Stils ausdehnen. Kurz, das Mitleid bildet nur einen Zweig des tragischen
¹) Vgl. die treffenden Urteile in Otto Ludwigs Studien und Hebbels Tage- büchern! UÜbrigens erscheint mir dieses Drama aus triftigeren Gründen als weniger geeignet zu eingehender Behandlung in der Schule.


