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Der verblendete König verstösst seine Tochter. Auch im biedern Kent regt sich der Widerspruch; er muss seine gutgemeinten Worte mit der Verbannung büssen. Damit setzt die erschütternde Tragödie des Undanks und kindlicher Treue ein.
Das Dramatische gipfelt jedoch in einem Entschlusse. Nicht immer gelangt dieser wirklich zur Ausführung. Zwar„was man will thun, soll man, wenn man will“, aber„dies Will hat so mancherlei Verzug und Schwächung“, ¹) und zuweilen ändert sich im letzten Augenblick der festeste Vorsatz. In der düsteren Nachtszene im„Hamlet“, als der König Claudius nach der Auf- führung der Schauspieler in entsetzlicher Gewissensqual die Hände faltet und um Vergebung zum Himmel stöhnt für den Bruder- mord, der„den ersten, den ältesten der Flüche trägt“, ohne dass er sie findet, weil er auf den Sündenlohn seiner schwarzen That nicht verzichten mag, betritt Hamlet, unbemerkt vom Könige, das Gemach; er sieht den verbrecherischen Oheim und greift zum Degen, um die schnöde That zu rächen, doch alsbald verschiebt er seinen Entschluss:
Das wär Sold und Löhnung, Rache nicht.
Gewöhnlich aber folgt der Entschliessung die That; je folge- wichtiger diese ist, je mehr sie in das Gefüge des Dramas eingreift, desto schwerer vermissen wir eine wirkliche Darstellung auf der Bühne. Zur Notwendigkeit wird diese, wenn es sich um das Ergeb- nis des tragischen Hauptkonfliktes handelt, während sich der Dichter bei weniger wichtigen Handlungen meist auf den Bericht eines Augenzeugen oder auf die Vorführung der Folgen der That be- schränkt; doch auch hierin sind die germanischen Dichter, um die Schaulust des Publikums zu befriedigen, gelegentlich recht weit ge- gangen. Mit sicherem Gefühle hat deshalb Sophokles den Selbst- mord des Aias auf die Bühne selbst verlegt. Nur einen Aus- nahmefall gibt es. Das höchste Gesetz der Kunst ist die ästhetische Wirkung. Wenn auch nur die Grenzlinien überschritten sind, kehrt sich unsere Teilnahme in Missfallen. Darum ist die Prozedur einer Hinrichtung nicht darstellbar, während der kurze, rasche Tod eines Othello oder Hamlet nichts Verletzendes haben. Somit nimmt das Dramatische aus dem Epischen zwei organische Be- standteile in sich auf: die Darstellung des äusseren An- lasses der Willenserregung und die Darstellung der
¹) Hamlet IV 7.


