Aufsatz 
Zur Auffassung und Erklärung des Dramatischen
Entstehung
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der Schlussstein in Bewegung kommt, bricht das Ganze zusammen. Aber selbst wenn wir das Tragische im weitesten Umfange be- trachten, fällt uns in allen Formen folgende Wahrnehmung auf: Immer ist es der schroffe Kontrast zwischen ausgesprochener Lebensfülle und resignationsvollem Untergang, zwischen höchster Entfaltung bestimmter physischer und psychischer Kräfte und jähem Hinscheiden, zwischen starker Lebensbejahung und ver- zweiflungsvoller Lebensentsagung. Wie die Dichter diese Kluft ausfüllten, ist zu verschiedenen Zeiten verschieden gewesen. Nur in wenigen antiken Dramen und modernen Nachbildungen ist es so gehandhabt worden, dass das cherne Schicksal, dämonische Gewalten, die der Ahnen Schuld an Kind und Kindeskindern rächen, nach unabänderlichem Gesetze die unglücklichen Sprossen zermalmen, indem der Held entweder unbewusst dem Fatum in die Hände arbeitet oder wissentlich demselben zu entrinnen sucht und damit desto unrettbarer sich in dessen Schlingen verfängt. Im germanischen Drama dagegen herrscht die Selbstbestimmung. Der Held weiht sich selbst dem Untergang, oder, wie Bellermann treffend bemerkt, er gräbt sich selbst sein Grab. Darum tritt im neueren Drama der Charakter als gleichberechtigt neben die Handlung. Egmonts tragischer Ausgang wäre ganz und gar un- verständlich ohne die reiche, lebensvolle Ausgestaltung, ohne die individuellen Züge, mit denen Göthe diese eigenartige Persönlich- keit ausstattet. Ferner ist noch die Ansicht zurückzuweisen, als ob das Tragische mit dem Dramatischen nichts zu thun habe. Keine Behauptung irriger als diese! Zwischen dem Tragischen und Dramatischen besteht nicht ein Unterschied der Gattung, sondern nur des Grades. Ich knüpfe an die Kusserung Freytags an:Was in Wahrheit dramatisch ist, das wirkt in ernster, starkbewegter Tlandlung tragisch. Deshalb folgt die Begriffs- bestimmung des Tragischen unmittelbar aus dem Wesen des Dramatischen. Tragisch ist also im deutschen Drama jener Zwie- spalt des Willens und jene Willensentscheidung, die unbe dingt für den Pntschliessenden verhängnisvoll werden muss. Die anderen Merkmale, die man mit dem Begriffe des Tragischen zu verbinden pflegt, ergeben sich daraus von selbst: ein ausserordentlicher, aber einseitig beanlagter Charakter, ein hochgerichtetes Ziel, das den vollen Lebensinhalt, die condicio sine qua non dieser Per- sönlichkeit bedeutet. Damit ist zugleich gesagt, dass das Tragische im Drama nur einmal bei derselben Person zur Geltung kommen