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wenn er nebenbei ein Dichter ist. Selbst das tiefere Verständnis einer dramatischen Dichtung ist von den gleichen Voraussetzungen abhängig. Es bedürfte also nicht des wohlfeilen Spottes Schaslers, ¹) der Freytag unter anderm„Philiströse Auffassung“ zum Vorwurf macht. Warum dieser Aufwand an Satire, fragt Unbescheid mit Recht. Wenn also die Lyrik die Poesie des Gefühls genannt wird, so kann man mit gleichem Rechte die Dramatik als die dichterische Veranschaulichung des Willens, genauer des zwiespältigen Willens, bezeichnen. Schliesslich be- handle ich noch einige Beispiele, aus denen sich seinerzeit die Auffassung des Dramatischen in mir herausgebildet hat. Be- sonders lehrreich ist eine Szene im Egmont. Alba hat die Ab- sage Oraniens erhalten. Was nun thun? Längst hatte der vor- sichtige Mann alle Möglichkeiten abgewogen; doch jetzt schwankt das Für und Wider aufs neue durch seine Seele. Wir erleben mit ihm, wie der Stachel der Entzweiung sein Inneres zerreisst, bis sich allmählich der Zwiespalt bricht. Der entscheidende Ent- schluss ist gefasst:„Und mir bleibt keine Wahl. In der Ver- blendung, wie hier Egmont naht, kann er dir nicht zum zweiten Mal sich liefern.“ Oder in Shakespeares Antonius und Kleopatra. Als Hiobsposten aus Rom eintreffen, die Nachricht von Fulvias Tod, von der Machtentfaltung des Sextus Pompeius, vom Wankel- mut des Volkes, regt sich in Antonius mit Nachdruck die Er- kenntnis seiner entwürdigenden Lage, das Bewusstsein seiner Pflicht als Triumvir, der einst mit Oktavius und Lepidus„die dreibenamte Welt verteilt“ hat. Wohl hält ihn Wunsch und Neigung in Xgypten fest, doch sein besseres Teil siegt. Er reisst sich los. Auch im Lustspiele, soweit dieses nicht zur ge- wöhnlichen Posse herabsinkt, findet diese Erklärung des Drama- tischen ihre Bestätigung. In den„Journalisten“ erhält der Oberst den Besuch des Wahlausschusses, der ihn davon in Kenntnis setzt, dass er zum Kandidaten auserschen sei. Freilich hat er kur⸗ zuvor erklärt, dass in all den jungen Herren, die sich zu Wahl- kandidaten aufstellen liessen,„der Teufel des Ehrgeizes“ stecke, der sie„wie der Dampf die Lokomotiven“ treibe, aber alsbald treibt ihn der Teufel des Ehrgeizes selber. Warum sollte nicht auch einmal ein Oberst a. D. Abgeordneter werden? Und in der Residenz würde er soviele alte Bekannte treffen, vielleicht,
¹) Schasler, Das System der Künste, vgl. desselben Verfassers Asthetik.


