42
Dichterische Individualitäten im strengeren Sinne gibt es folglich erst in der lyrischen Dichtung. Den Lyriker reizen die schlum- mernden Gefühlswerte, die er in den Aussendingen vorfindet (objektive Lyrik), oder er überträgt den quellenden Strom der eigenen Empfindungen auf dieselben(subjektive Lyrik). Der Dramatiker geht seine eigenen Wege. Ihn interessieren vor allem die erschütternden Willensprozesse, die schliesslich in einer That ihre Entladung finden. Dieser Entwicklungsgang ist auch ganz naturgemäss, so bei einem ganzen Volke, so beim einzelnen. Ich will mich, um nicht längst Gesagtés zu wiederholen, auf das letztere beschränken. In der Seele des Kindes herrscht noch keine Entzweiung des eigenen Ich mit der Umgebung. Da gilt der gute Karo noch ebensogut als Hausgenosse wie der meckernde Ziegenbock. Seine Welt erscheint ihm als eine grosse Familie. Nur ein Drang wird immer stärker in ihm, mehr und mehr von dieser unbekannten Welt zu erfahren. Deshalb lauscht es am liebsten Märchen und Sagen, die nicht nur seinen Wissensdrang befriedigen, sondern auch seiner Phantasie Nahrung geben. All- mählich aber erwacht in dem sich entwickelnden Menschen immer stärker das Gefühl des Selbstbewusstseins. Die Entzweiung nimmt ihren Anfang. Entweder überträgt er seine Empfindung auf die Aussenwelt, oder der Missklang zwischen Idee und Wirklichkeit wirft seine Schatten auf ihn zurück.
Aber erst wenn der Zwiespalt auch den Willen ergreift, ist die Schwelle des Dramatischen erreicht. Wie oft treten an den im Getriebe des Lebens stehenden Mann starke Anfechtungen
heran: Der Zeiten Spott und Geissel, Des Mücht'gen Druck, des Stolzen Misshandlungen, Verschmähter Licbe Pein, des Rechtes Aufschub, Der Ubermut der Amter, und die Schmach, Die Unwert schweigendem Verdienst erwceist...“)
Anfechtungen, die seinen Willen lange und machtvoll hin- und herschwanken lassen; wer diesem Widerstreit des Willens eine einheitliche Richtung zu geben vermag, der birgt die subjektive Anlage zum dramatischen Helden in sich. Wo wir auch im ger- manischen Drama Umschau halten, überall finden wir als Wesens- eigentümlichkeiten des Dramatischen folgende: 1. Kraftvoll aus-
¹) Hamlet, übersetzt von A. W. Schlegel III 1..


