Aufsatz 
Zur Auffassung und Erklärung des Dramatischen
Entstehung
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die eben deshalb, weil sie sich von der thatsächlichen Wirklichkeit entfernen, keine weitere Beachtung verdienen. Jahrhunderte lang ist das Dramatische als selbständiger Ausfluss, als besonderer Ausdruck eigengearteter dichterischer Veranlagung betrachtet und anerkannt worden, daran werden auch geistreiche Vernünfteleien nichts ändern. Worauf beruht nun das spezifisch Unterscheidende des Dramatischen? Ich muss mich im Hinblick auf die erwähnten Theorien auf eine kurze historische Betrachtung einlassen. Alle diese Methoden der Erklärung leiden an einem Grundfehler: sie vermengen das Dramatische mit dem Theatralischen, und sie legen auf äussere Merkmale zu grosses Gewicht, während sie den Kern des Dramatischen von der Umhüllung nicht zu scheiden vermögen. Derselbe Gegenstand verträgt ebensoleicht eine epische, lyrische wie dramatische Behandlung. Als Beispiel wähle ich die gefeierte Abschiedsszene Hektors von Andromache, eine der wundervollsten Leistungen des epischen Genius in der Weltliteratur. Welch heroische Kraft, welch einschmeichelnde Süssigkeit! Wie erhaben- einfach in der Form gleich einer dorischen Tempelhalle, und wie rührend-Schlicht in der Empfindung! Gleichwohl ist der ganze Vorgang episch erschaut, nicht lyrisch empfunden! Und der eigentliche Lyriker? Würde er nicht die Taste des Gefühls, die der göttliche Sänger in keuscher Scheu nur leise berührt, aus- klingen lassen zu vollen Akkorden? Anders der dramatische Dichter. Er würde uns den Helden darstellen in starkem Wider- streit zwischen Liebe und Pflicht, zwischen Familie und Vater- land, und erst nach schwerem Kampfe entwirrte sich die Ent- zweiung in seiner Brust zu dem erlösenden Entschlusse. Es kommt also hauptsächlich auf den Standpunkt des schaffenden Dichters an. Anders spiegelt sich die Welt in den Augen des Epikers, anders des Lyrikers, anders des Dramatikers. Der eine sieht die gewaltigen Thaten, die wunderbaren Fahrten und Aben- teuer grosser Helden, wie sie ihm die heimische Volkssage ver- mittelt, und diese ist im letzten Grunde nichts anderes als der Niederschlag grosser Ereignisse in der umbildenden Phantasie eines jugendfrischen Volkes. Somit ist der Epiker ¹) in der Haupt- sache der Dolmetsch der gemeinsamen Anschauungen seines Volkes, und nur in der Kunst folgerichtiger Komposition und sprach- bildnerischer Kraft bewährt er seine überragende Meisterschaft.

¹) Natürlich kommen nur die grossen Volksepiker in Betracht.