9
verständlich seine besondere Privatansicht. Aber Wenn über das Wesen der epischen und lyrischen Dichtung schon lange eine gewisse Einigung erzielt ist, sollten nicht über kurz oder lang auch über den Kern des Dramatischen die Gemüter der erhitzten Parteien zur Ruhe kommen und sich friedlich über der Bahre des vielverhetzten Begriffes die Hand zur Versöhnung reichen wie Capulet und Montague? PFreilich thun wir uns schwerer als die Griechen, Engländer und Spanier, die ein ausgesprochen nationales Drama besitzen. Wir Deutsche dagegen haben uns dieses Vorrecht eines grossen Volkes ctwas verkümmert, zu unserem Vorteile vielleicht. Trotzdem werde ich Stücke wie Lessings Emilia Galotti oder Schillers Braut von Messina, in denen sich der fremde Geist am augenscheinlichsteu ausspricht, mehr oder minder beiseite lassen.
Das Wesen des Dramatischen.
Freytag(Technik p. 16) bestimmt das Wesen des Drama- tischen folgendermassen:„Dramatisch sind diejenigen starken Seelenbewegungen, welche sich bis zum Willen und zum Thun verhärten, und diejenigen Seelenbewegungen, welche durch ein Thun aufgeregt werden; also die inneren Prozesse, welche der Mensch vom Aufleuchten einer Empfindung bis zu leidenschaft- lichem Begehren und Handeln durchmacht, sowie die Ein- wirkungen, welche eigenes und fremdes Handeln in der Seele hervorbringt; also das Ausströmen der Willenskraft aus dem tiefen Gemüt nach der Aussenwelt und das Einströmen be- stimmender Einflüsse aus der Aussenwelt in das Innere des Ge- müts; also das Werden einer Aktion und ihre Folgen auf das Gemüt.“
Es ist unverkennbar, dass diese Definition den Urquell des Dramatischen nicht vollständig erschliesst, sie beruht auf der mechanischen Addition lyrisch+ episch(germanisches Drama, Hin- zufügung des Lyrischen zur epischen Poesie) und episch+ lyrisch (z. B. im griechischen Drama, das von der Erweiterung des Lyrischen durch äussere Handlung den Namen erhielt, die weitausgesponnenen Pathosszenen), ganz abgesehen davon, dass sie der einheitlichen Grundlage entbehrt. Freytag selbst scheint diesen Mangel zu fühlen; denn er fügt hinzu:„Beide Richtungen, in denen das Dramatische sich äussert, sind allerdings nicht grund-


