Aufsatz 
Zur Auffassung und Erklärung des Dramatischen
Entstehung
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Wortlaut dieses Satzungeheuers gegenüber wird selbst unser be- fähigtster Schüler klein beigeben. Und überhaupt bleibt so manches frommer Wunsch, nicht nur in der Schule. Aber wenn der Schüler vergleichsweise allmählich begreift, dass eine geschichtliche Per- sönlichkeit ein Werkzeug der Vorsehung ist, das nach eigenem Gesetze schaltet und waltet, wenn er verstehen lernt, wie der lyrische Dichter aus der überquellenden Macht des Gefühls seine Dichtungen schafft und der Tondichter aus der Allgewalt der Empfindung, und wie nur in langen Zeiträumen einmal der grosse Wurf gelingt, dann wird mit reifendem Verständnis auch ein leises Vorgefühl in ihm erwachen von der zwingenden Macht des Genius, und wenn im Laufe der Schulzeit nur die Ahnung in ihm aufdämmert, dass das wahre dramatische Kunstwerk sich im Grunde so entwickelt, wie die Blume aus dem nährenden lurd- boden hervorspriesst, oder das Krystall, das sich nach unfass- baren Gesetzen gestaltet, dann wird er sich zu der geläuterten Ansicht durchringen, dass abgesehen von dramatischer Klein- arbeit und handwerksmässigen Mitteln noch ein gewisses Etwas übrig pleibt, dessen Wesen auch noch kein Erwachsener er- gründet hat, und er wird noch eine andere wertvolle Mitgift ins Leben mitnehmen: die Bewunderung und Verehrung jener gott- begnadeten Menschen.

Wenn ich mir im Vorliegenden die Aufgabe stelle, Freytags Theorie des Dramatischen nach fremden und eigenen Wahr- nehmungen ¹) umzugestalten und zu erweitern, so bemerke ich aus- drücklich: ich gründe meine Ausführungen nur auf das deutsche Drama, ²) nur auf unmittelbare Eindrücke, nicht auf philosophische Hypothesen. Mehr als von einem anderen Abschnitte der Asthetik gilt hier das Wort des Terenz: Quot homines, tot sententiac. Bei den Franzosen, Engländern Theorie auf Theorie und erst bei den urgründlich gewissenhaften Deutschen! Jeder hat selbst-

¹) Der vorliegende Aufsatz setzt sich zusammen aus den Vorarbeiten zu einem Vortrag über das Dramatische vor beiläufig sichen Jahren und aus den Grundsätzen, die der Verfasser in sechsjähriger Pravis des deutschen Unter- richts vertrat. Zu seiner Genugthuung kann er konstatieren, dass neuestens auch ein berufener Kenner, Weitbrecht, zu ähnlichen Resultaten bezüglich des Wesens des Dramatischen gelangt ist. Diese erfreuliche Thatsache gibt ihm den eigentlichen Anlass zur Veröffentlichung der anspruchslosen Arbeit. Ver- wendet gelegentlich sind die bekannten Werke von Baumgart, Bulthaupt, Carriere, Kuno Fischer, Ochelhäuser, Volkelt, Wehl, Zabel u. a.

²) Shakespeare rechne ich aus begreiflichen Gründen dazu. 2