Aufsatz 
Zur Auffassung und Erklärung des Dramatischen
Entstehung
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auf die vielverschlungenen Tragödien und Komödien Shakespeares, und es wird in manchem wichtigen Punkte versagen. Sollten damit all diese Werke aus dem Kanon gestrichen werden? Ein deutlicher Beweis für die Unhaltbarkeit dieses Verfahrens ist, dass jeder Theoretiker, jeder Fachmann überhaupt zu einem anderen Ergebnis in ein und demselben Drama gelangt. Ein jedes in sich geschlossene Meisterwerk will eben aus seiner Eigen- art vertsanden und empfunden werden, jeder grosse Dichter ist eine Individualität für sich. Kein Geringerer als Schiller ¹) weist auf diese selbstverständliche Forderung hin:Ein poetisches Werk muss, insofern es, auch nur in hypothesi, ein in sich selbst organisirtes Ganze ist, aus sich selbst heraus, und nicht aus all- gemeinen und darum hohlen Formeln beurteilt werden; denn von diesen ist nie ein Übergang zum Faktum. Darin gipfelt die Quintessenz aller Erklärung. Es bedarf keiner besonderen Pr- wähnung, dass es auch verkehrt ist, die sprachlich wissenschaft- liche Methode, die zur Erklärung der alten Klassiker neben der ästhetischen ihre volle Berechtigung hat, auf die Behandlung deutscher Dichtung pedantisch zu übertragen. Wer zerzaust eine Blume, um sich an ihrer Schönheit zu erfreuen? In dieser Hlin- sicht teile ich den Standpunkt Bettingens: ²)Speziell philologische Erklärungen, mögen sie sich auf Grammatik, Synonymik, Satzbau, Stilistik beziehen, oder gar, was so häufig vorkommt, etymologische Erklärungen, sind, wenn davon das Verständnis und der Genuss des Kunstwerks nicht bedingt ist, wegzulassen. Das kleinere Übel ist es, wenn der Schüler einmal einen einzelnen Ausdruck im deutschen Drama nicht völlig versteht, als dass ihm durch solchen Kleinkram die Freude am Ganzen vergällt wird; denn die eigentliche Aufgabe des deutschen Unterrichts ist es,in hervorragender Weise die Pflege der Gemütsbildung durch die Lektüre der Dichtwerke zu übernehmen und dem von dürren(1)*) Abstraktionen der Mathematik und Grammatik ermüdeten Schüler hier im Reiche der Dichtkunst einen naiven, Herz und Gemüt veredelnden Genuss zu bereiten.Dass dies Ziel wirklich er- reicht werde, ist Sache des Lehrers und einer vernünftigen Lehr-

¹) Brief an E. G. Schütz.

²) Bettingen, Grundzüge der dramatischen Kunst, p. 12.

³) Darin bin ich anderer Ansicht. Gerade die Mathematik als die Wissen- schaft des logisch Zwingenden vermittelt dem Schüler eine Ahnung jenes ge- heimnisvollen Gesetzes, das in genialen Naturen wirksam ist.