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während der wahre Dichter sich oft unter Müh und Not durchs Leben schlagen muss und beschränkte Kunstrichter mit einseitigen Grundsätzen über ihn zu Gericht sitzen. Manches Drama ferner rauscht mit all dem Aufgebot der äusseren Mittel an uns vorüber, das nur der Kunstverständige in seiner Hohlheit und Leere durch- schaut. Gleichwohl kann es den Anforderungen der Technik durchaus entsprechen. Andererseits erhob sich eine starke Re- aktion gegen all das gekünstelte Regelwerk. Ihre Schwäche liegt darin, dass sie auch die Urgesetze dramatischen Schaffens hinweg- fegte, so dass wir jetzt glücklich beim„regellosen“ Drama an- gelangt sind, das sich mit eingehender Schilderung des„Milieus“ begnügt. Ergötzlich fast wirkt, wenn es nicht eine ernste Sache wäre, dieses nervöse Hasten und Tasten nach der neuen Kunst, nach neuen Ausdrucksformen. Bald ist der Naturalismus der Nampfruf der„Moderne“, und nachdem diese ungesunde Gift- pflanze der Dekadenz nun doch so ziemlich abgethan ist, steht der Symbolismus auf der Tagesordnung; bald hebt die Mode Ibsen oder Björnson auf den Schild, bald lehnt sie sich an fran- zösische Vorbilder an, woraus der deutschen Kunst nimmer Heil entspringen kann; denn zwischen französischem und deutschem Kunstempfinden bestehen unüberbrückbare Gegensätze. Dem gegenüber berühren uns die anspruchslosen Volksstücke seit Anzengrubers Tagen wie frischer Waldesodem. Ob der gegen- wärtige Zustand nur die Thalstufe bildet zu der einstigen Höhe oder die Ansätze in sich birgt zu neuer Erhebung, wer weiss es?
Bei dieser Verwirrung der Kunstbegriffe ist es doppelte Dflicht der Schule, vor allem des Gymnasiums, den Absolventen feste, unveräusserliche Anschauungen der wahren Kunst ins Leben mitzugeben, jener Kunst, die uns am nächsten steht, der deutschen. Aber sie erfüllt ihre Aufgabe nicht im richtigen Geiste, sie ver- liert den Zusammenhang mit dem Leben, wenn sie mit einem gekünstelten Schema des Aufbaus, z. B. dem Freytagschen, an jedes dramatische Kunstwerk— nur mit solchen hat es die Schule zu thun— von aussen herantritt. Das heisst im letzten Grunde nichts anderes als wissenschaftliche Prinzipien auf ästhetisches Gebiet übertragen, die Grenzscheide zwischen Wissen- schaft und Kunst überschreiten. Gewiss ist das System Freytags auf manche Tragödien, besonders Schillers, ohne Zwang anwend- bar; aber man übertrage dasselbe in seinen Einzelheiten auf Dramen Kleists, Grillparzers, Hebbels, Otto Ludwigs oder gar


