4 dramatischem Stil und dramatischer Technik übersieht. Es ist überhaupt etwas Eigenes um die Theorien schaffender Dichter. Sophokles, Dante, Shakespeare, Göthe haben ihre hervorragendsten Werke aus der gesetz- und formgebenden Kraft der Genies ge- schöpft und es späterer Zeit überlassen, die Theorie zu be- gründen. Andere Dichter wie Hebbel bewegen sich in wunder- lichem Zickzack zwischen verstandesmässiger Reflexion und in- tuitiver Anschauung; sie stellen objektive Kunstgesetze auf, um sie im Banne der schöpferischen Kraft häufig zu durchbrechen. Eine dritte Gruppe von Dichtern, die blossen Talente, arbeiten nach gegebenen Regeln. Es ist kein Zweifel, dass die meisten Dramatiker in Freytags Zeitalter zu der letzteren Gruppe zählen, während dieser selbst es einmal zu einer wirklichen Musterleistung brachte. Die„Journalisten“ sind nächst Kleists„Zerbrochenem Krug“ das bedeutendste Lustspiel des vergangenen Jahrhunderts. Aus dieser Zeitströmung, die in Laube ihren beredtesten Vertreter fand— ich erinnere nur an die bekannte Verballhornung des gewaltigen Demetriustorsos—, die den gegebenen Stoff in ihre technisch-theatralischen Fesseln zwängte, anstatt ihn mit echt dichterischer Kraft und individueller Eigenart aus sich lebensvoll zu gestalten, wuchs die Technik des Dramas hervor, aus dem Geiste der Zeit erklären sich jene zum Teil minutiös-peinlichen Einzelvorschriften, die, lediglich aus einer beschränkten Zahl an- erkannter Meisterdramen entnommen, uns wohl einen Einblick in die Werkstätte eines dramatischen Arbeiters gewähren, aber unser ästhetisches Empfinden von der Erstehung eines wahrhaft genialen Werkes öfters befremden und verwirren. Und hat die virtuose Kenntnis der Technik des Dramas und des Bühnenwirksamen einen segensreichen Einfluss auf die Entwicklung unserer dramatischen Literatur gewonnen? Ich möchte diese Frage fast eher verneinen als bejahen. Auf der einen Seite schossen die Halbtalente, die dramatischen Handwerker wie Pilze aus der Erde empor; denn nach so genau bestimmtem Rezepte bietet es keine besondere Schwierigkeit, eine neue, leidlich geniessbare Mixtur zu brauen. die durch Zugabe modischen Gewürzes ihrer Wirkung unfehlbar sicher ist. Die meisterliche Beherrschung des Technischen gibt ihnen die willkommene Gelegenheit zu eigener„Produktion“, die das Thrige zur Verflachung des Geschmacks beigetragen hat und noch beiträgt. Manches vermeintliche„Kunstwerk“ hat die Augen unserer Väter geblendet, das jetzt im wohlverdienten Grabe ruht,
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