Jahrgang 
1915
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b) Kriegserlebniſſe von mehr als rein örtlichem Intereſſe haben wir nicht zu verzeichnen. Die nach Süden und Weſten in ſchier unabſehbarer Reihe tagtäglich hier vorüber⸗ rollenden Militärzüge, der abwechslungsreiche Betrieb in der großen Verpflegungsſtation am Nord⸗ bahnhofe, die aus Frankreich zurückkommenden Verwundeten⸗ und Gefangenentransporte, die aus⸗ giebige Belegung der Stadt mit Einquartierung halten das Intereſſe der jugendlichen Geiſter unermüdlich wach und von der Schule weggerichtet.

Von unſeren Schülern und Schülerinnen haben 32% Vater oder Bruder fern von der

Heimat im Heeres⸗ oder Sanitätsdienſte ſtehen. Von den Einberufenen ſind ſchon 28 Väter, 19

Brüder in die Reihen der Kämpfenden eingetreten, 24 Väter, 7 Brüder dienen noch im Vater⸗ lande, 1 Vater, 4 Brüder gehören der Sanitätsmannſchaft an.

Unter den hier verbliebenen Mitgliedern des Kollegiums wird wohl Herr Prof. Walger am tiefſten und unmittelbarſten von den ſteten Überraſchungen der Kriegsereigniſſe betroffen, da ſeine 3 Söhne ſich freiwillig zum Heeresdienſte ſtelten. Er war vom 11.14. 9. 14 zu einer Reiſe nach Hagenau, der damaligen Garniſon ſeines jüngſten Sohnes, beurlaubt.

Die beiden ins Feld gerückten Herren Dr. Heymann und Weide, von denen letzterer am 15. 9. 14 bei Servon ſchwere Armverletzungen davontrug, werden eifrig mit Karten und gehalt⸗ volleren Sendungen bedacht. Mit freudiger Genugtuung wurden die Nachrichten von der Be förderung des Herrn Dr. Heymann zum Leutnant der Landwehr und ſeine Auszeichnung mit dem Eiſernen Kreuze aufgenommen.

Eifrig betrachtet und lebhaft erörtert werden die ausgehängten Kriegsbilder der Leipziger Illuſtrierten Zeitung. m

Das Siegesgeläute erfreute uns hier öfters morgens auf dem Schulwege: an 5. 9. 14(Reims), am 7. 12. 14(Lodz), am 18. 12. 14(Schlacht in Polen) und am 17. 2. 15(Winterſchlacht). Am 5. 9. und 8. 12. 14 wurde nach kurzen Schulfeiern der Unterricht grſchloſen. Ein wunder⸗ bar charakteriſtiſches Momentbild aus unſerem Kriegsſchulleben iſt der Morgen des 17. 2. 15, an dem wir unſer Schulanfangsgebet ſprachen und die IIb ihren Prüfungsaufſatz begann, während die Siegesglocken klangen.

Der im Auguſt und September ſehr erſchwerte Zugverkehr nach und von Darmſtadt und Frankfurt brachte für eine große Schülerzahl ernſte Störungen. Wochenlang mußten z. B. die Schüler aus Walldorf und Mörfelden die beiden erſten Vormittagsſtunden verſäumen. In Quinta, wo der Schaden am ſchlimmſten war, ſuchten wir ihn durch Einführung zweier Wochenſtunden zur Nachhilfe im Franzöſiſchen einigermaßen auszugleichen.

c) Freiwillige Hilfstätigkeit. An dem auf hieſigem Bahnhofe oft recht ſchweren Dienſte der freiwilligen Sanitätskolonne beteiligten ſich Herr Prof. Walger und die Schüler Gabelmann, Roſenthal, K. Schad, R. Schadt, Schwarz aus lib, Oppenheimer, Volk, Weidner, Weber, Senger aus lIla, Kreuder, P. Wengler aus IIIb.

Vom 4. 8. 20. 8. 14 hatte ſich Herr Schuldiener Miſchlich freiwillig zur Bahnwache geſtellt. Auch die Herren Walger, Schwarz und Winter beteiligten ſich am Wachtdienſt.

Eifrig waren die Mädchen auch der jüngeren Klaſſen, ſolange es mangels anderer Hilfs⸗ kräfte erwünſcht war, in der Küche der Verpflegungsſtation beſchäftigt.

An den Übungen zur militäriſchen Vorbereitung der Jugend(Jugendwehr) nahmen faſt alle Unterſekundaner teil, auch ohne das vorſchriftsmäßige Alter zu beſitzen.)

d) Das Schulhaus war vielſeitig begehrt. Die warmen Wandelgänge, Keller, Turn⸗ halle und Singſaal konnten den hier einquartierten Mannſchaften des Erſatzbat. Landwehr⸗Inf. Reg. 83 in den kalten Wintertagen zu Inſtruktionsſtunden u. a. m. gute Dienſte leiſten. Die 1. Komp. hielt auch ihre Weihnachtsfeier im Schulhauſe ab. Die freiwillige Sanitätskolonne kam zu Vorträgen und Übungen. Auch die Jugendwehr war öfter zu Gaſte. Ganz beſonders erfreute es uns, daß auch ein Strickkränzchen Groß⸗Gerauer Damen hie und da ein friedliches Plätzchen bei uns finden konnte.