Jahrgang 
1841
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3) Die ſchaffende Geiſteskraft wird im Keime des befruchteten Eies nur unter den Be⸗ dingungen thätig, die das Fortbeſtehen des keimenden und lebenden Individuum garantiren: bei Einwirkung der Wärme und der Zufuhr befeuchteten Nahrungsſtoffes. Das Sproſſenbilden, ſo wie das Entſtehen von Individuen aus getheilten Stücken anderer, wie dies bei den nieder⸗ ſten Thieren vorkommt, gehört nicht zu den Wirkungen dieſer Kraft; denn hier ſind ſchon ſämmtliche Elemente der Organe i im abgetrennten Stücke vorhanden und entwickeln ſich nur durch Lebensakt. Ob jene Kraft ihre Thätigkeit auch an bloß lebensfähiger Subſtanz entfalten und nicht unter gewiſſen Bedingungen auch ein neues Individuum ohne ovum ſchaffen kann, ob es alſo eine generatio aequivoca giebt, iſt zwarnoch unerwieſen wegen der außerordent⸗ lichen Schwierigkeit der Beobachtung, doch ohne allen Zweifel nach den darüber beſtätigten Thatſachen höchſt wahrſcheinlich.

Wie beim Entſtehen der Thiere, ſo ſinden ſich die Aeußerungen dieſer ſchaffenden Geiſtes⸗ kraft ganz in analoger Weiſe beim Entſtehen aller lebenden Weſen.

Sobald die Elemente der Organe aus dem Keime geſchaffen ſind, treten ſie in Wechſel⸗ wirkung; das Thier lebt, und die Organe entwickeln ſich nun durch das Leben. Inſofern die potentiellen Elemente zweckmäßig geſchaffen ſind, muß auch die Entwicklung der Organe die Richtung der Zweckmäßigkeit gewiſſermaßen beibehalten; doch waltet nun die Hand des Bau⸗ meiſters nicht mehr und oft entwickeln ſich die Organe auf eine mit dem Zwecke des Organis⸗ mus nicht harmonirende Weiſe: es entſtehen Verbildungen, Mißbildungen, monstra. Ebenſo ſind die Regeneration verlorner Glieder, die Umbildung und Verwandlung aus dem Larvenzu⸗ ſtande in den des ausgebildeten Thieres, die ſogenannte vis medicatrix in Krankheiten ꝛc. in der ſpäteren Exiſtenz des Individuum Lebensakte und haben mit keinem Geiſte etwas zu thun.

Im Pflanzenleben zeigt ſich keine Spur einer Erſcheinung, die auf das Wirken eines geiſtigen Prinzips im Individuum hindeutet. Alles geht nach den Geſetzen des Lebens, ſeiner Wechſelwirkung mit belebbarer Materie und den phyſikaliſchen Geſetzen der Außenwelt ſeinen Gang fort, und nur der Dichter zaubert in die Lilie einen Engel, in die Eiche eine Dryade. Die Bewegung des Hedysarum gyrans und der Mimosa pudica, das Drehen der Helian- thus annua nach der Sonne, das Zucken der Staubfäden in den Blüthen der Berberis vul- garis ſind nur Reactionen auf äußere Reize und Aeußerungen lebendiger Reizbarkeit. Ebenſo zeigt die eigenthümliche pendelartige Bewegung der Oscillatoria, einer Gattung der Waſſeralgen, die längere Zeit im Thierreiche figurirte, keine Spur von Zweckmäßigkeit und iſt wahrſcheinlich nur Folge der Einwirkung des Lichtes.

Im Thierleben dagegen finden ſich zwei Reihen von Aeußerungen eines geiſtigen Wir⸗ kens, die wir nun in dieſen wenigen Blättern etwas näher betrachten wollen. Die erſte Reihe derſelben deutet auf das Wirken derſelben Geiſteskraft zurück, welche aus dem Keime die Ele⸗ mente des Thieres geſchaffen; es begreift dieſelbe die inſtinktartigen Handlungen, die ſogenannten Naturtriebe. Dieſe finden ſich bei allen Thieren zu denſelben Endzwecken, nur in der Ausführung variirend. Die zweite Reihe dagegen umfaßt Aeußerungen einer Seelen⸗ thätigkeit, welche an die Organiſation des Leibes, inſofern dieſe die Pforte für die Einwirkung der Außenwelt eröffnet, gebunden, ſomit in den einzelnen Thierklaſſen nicht allein, ſondern auch in indlridue verſchieden ſich darſtellen: Individuelle Seelenäußerungen.