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hier kein Privilegium haben. Unſere antikproſodiſchen Rigoriſten müſſen aber nicht ver⸗ eſſen, wenn ſie ihre metriſchen Kunſtſtücke vom Leſer empfunden haben wollen, daß is jetzt der Sprach⸗ und Sinnakcent und die nach Maßgabe des logiſchen und rhetori⸗ ſchen Gehaltes die Längen ſchwächende, die Kürzen dehnende gewöhnliche Betonung, oder wirkliche Zwiezeitigkeit, ein großes Wort mit zu reden haben*) und in keinem Verſe zweimal, oder an einer unglücklichen Stelle auch nur einmal mit dem metriſchen Bedarf
im Widerſtreit ſtehn können, ohne den ganzen Rhythmus über den Haufen zu werfen
und das Muſenroß in den jämmerlichſten Klepper zu verwandeln, wie dieß z. B. bei
folgenden zum Theil von Meiſtern verfaßten Verſen der Fall iſt:
NRufe herzu, Herold, Kriegsmannen und ſchicke ſie bergab.— Auch nicht Unfrohmuth, wenn denn Schmerz ſendet ein Gott dar.— Reiſige traben daher! nun ſacht, Freund, reite mich nicht um.— Verſe dieſer Art und ähnliche haben die Meiſter gar viel; wie oft muß man auch
bei ihnen den Weg wieder zurückmachen und zu wiederholten Malen zum metriſchen Laufe
den Anſatz nehmen, bis man nach manchen verdrießlichen Ajaciſchen Unfällen**) endlich das
Ziel erreicht! Es kann alles Techniſche genau beachtet ſein, und der Vers iſt doch kein
lesbarer deutſcher Hexameter: dieſen giebt erſt ein gewiſſer Bentleyiſcher practiſcher Takt,
der die letzte Reviſion vornehmen muß, und zwar ſo lange, bis ein des Metrums ganz Unkundiger und ein Kind die Verſe dahinleſen kann, ohne jemals aus dem Maaße zu
fallen. 3 Gern möcht' ich auch ein Wort hier über den Hiatus anmerken, auf den ich bei
Anfertigung dieſer Ueberſetzung ebenfalls mein Augenmerk ſchärfer gerichtet habe; doch ſo⸗
wohl dieß, als manches andre dieſer Art, noch auch nur zu berühren, mag der mir zu⸗
gemeſſene Raum nicht mehr geſtatten.
Ich beſpreche nur noch kürzlich zwei Fälle, wo ich unbedenklich vom Originale ab⸗ gewichen bin; einmal nämlich bei den ſo oft vorkommenden Namen der Geſtirne, wo ich nicht immer den wieder geſetzt habe, welchen jedesmal der Verfaſſer gebraucht hat, da ſie im Ganzen für die betreffenden Stellen keine beſondere Bedeutung haben. Die appellativiſchen Beinamen darunter hätte ich gern alle überſetzt, um auch davon dem Leſer etwas in das Gefühl zu bringen; da ſie ſo etwas Fremdes und Starres haben; allein es wollte ſich nicht wohl thun laſſen. Uebrigens legte ich mir das ſtrenge Geſetz auf, vor die Eigennamen niemals den im höheren Stile bei antiken Formen unſtatt⸗ haften Artikel zu ſetzen; was allerdings wegen der leicht daraus erwachſenden Zweideu⸗ tigkeit nicht ſelten viele Arbeit machte.
Fernner iſt an eine treue Ueberſetzung nicht gedacht worden, wo, als in einer Schul⸗
ſchrift, das bekannte ſchöne Wort Juvenal's 14, 47. in Betracht kam.— Dieſe Dinge
*) Fr. Schlegels Geſch. d. alt. u. neuen Lit. Th. 2, S. 270. Wien 1815. **) Hom. II. 23, 774— 77.


