Ueber die Bedeutung der Mathematik und Naturwiſſenſchaften für das höhere geiſtige Leben, und einige ſich daraus ergebende Foderungen an das Gymnaſium.
So oft in den allgemeinen Verſammlungen deutſcher Schulmänner oder auch in den engeren Directoren⸗ conferenzen die Rede auf die Mathematik gekommen iſt, ſind ſtets zwei einander widerſprechende und bekämpfende Stimmen laut geworden, deren eine ſich gerade ſo ſtark darüber beſchwerte, daß in unſern jetzigen höhern Schulen der Mathematik gar zu viel Zeit und Kraft zugewendet werde, als ſich die andere darüber beklagte, daß man den mathematiſchen Unterricht gar zu kärglich bedacht habe. Beiden entgegen iſt in pädagogiſchen und theolo⸗ giſchen Zeitſchriften der jüngſten Zeit ſogar der Vorſchlag gemacht worden, die Mathematik und Naturwiſſen⸗ ſchaften ganz und gar von dem Unterrichtsplan der Gymnaſien wegzuſtreichen, und ſie den beſondern Berufs⸗ und Fachſchulen zuzuweiſen. Man meinte dadurch zwei Uebelſtänden der Schule zugleich begegnen zu können, nehmlich der Ueberbürdung und Zerſtreuung der Schüler durch die Menge der zu behandelnden Unterrichtsgegenſtände, und der ſittlich religiöſen Gefahr, welche heut zu Tage namentlich mit dem Studium der Naturwiſeenſchaften ver⸗ bunden ſei. Wie ſtark nun auch dieſe Anſichten von einander abweichen, ſo ſtimmten doch ſämmtliche Träger und Vertreter derſelben darin überein, daß der Zweck des Gymnaſiums in der Weckung, Belebung und Kräfti⸗ gung des geſammten höhern geiſtigen Lebens beſtehe, und es iſt daher wohl anzunehmen, daß man zur Vermitt⸗ lung der einander gegenüberſtehenden Anſichten und zur eignen Orientirung in dieſer für das Gymnaſium ſo wichtigen Angelegenheit nicht wenig beitragen könne, wenn man der Frage nach der Bedeutung und Stellung der Mathematik und Naturwiſſenſchaften im Gymnaſialunterricht eine Unterſuchung über die Bedeutung der Mathe⸗ matik und Naturwiſſenſchaften für das geſammte höhere geiſtige Leben zur Grundlage gebe, und die Antwort auf jene Frage als eine bloße Folge aus dieſer Unterſuchung hervorgehen laſſe. In dieſem Sinne iſt vorſtehendes Thema gewählt worden, in dieſem Sinne möchte die Bearbeitung deſſelben ſich dienſtbar erweiſen.
Wenn der größte philoſophiſche Geiſt des griechiſchen Volkes den Beſitz mathematiſcher Kenntniſſe als die erſte unerläßliche Bedingung zum Eintritt in die geheiligten Hallen der Philoſophie von ſeinen Jüngern fodert, ſo hat er damit nicht ſo ſehr auf einen beſtimmten Schatz ſchon erworbener Kenntniſſe und auf die zu einer fruchtbaren Behandlung der Philoſophie nothwendige allgemeine Handhabe, als vielmehr auf den nicht hoch genug zu haltenden reinen Sinn für die Wahrheit um der Wahrheit willen, und auf die in jeder Wiſſenſchaft noth⸗ wendige Zucht der Logik eines geſetzmäßigen Denkens hingewieſen. Er hielt dafür, daß keine Wiſſenſchaft ſo ſehr geeignet ſei, den reinen intereſſenloſen Wahrheitsſinn zu wecken und zu fördern, als die Beſchäftigung mit den von unſerm Wollen und Wünſchen unabhängigen, für alle Zeiten, Völker und Individuen gleichen, mathe⸗ matiſchen Wahrheiten. Auch zu ſeiner Zeit gab es Leute genug, welche die Wahrheit nicht um ihrer ſelbſt willen liebten, die ſich von ihr abwandten, wenn ſie nicht ihren Vorurtheilen, Leidenſchaften, Gewohnheiten entſprach,
und welche lieber tändelten und ſpielten, als ſich unter die Zucht des geſetzmäßigen Denkens ſtellten. Intereſſen⸗ 1


