Jahrgang 
1850
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Durch den Umſchwung, welchen die Behandlung der griechiſchen Grammatik ſeit Gottfr. Her⸗ mann's Epoche machendem Werke de emendanda ratione graecae grammaticae[Lips. 1801. 8.] erfahren hat, ſind auch die neuteſtamentlichen Philologen zu einer andern Behandlung der neuteſta⸗ mentlichen Gräcität in exegetiſcher, wie hermeneutiſcher Hinſicht gekommen. Von den Männern, die hier ſich ein Verdienſt erworben haben, wenn auch nicht jede feine Diſtinction in ihren Sprachfor⸗ ſchungen Beifall finden wird, ſind außer Gieſeler, Bornemann, Tholuck u. A., in ihren exegetiſchen Schriften vorzüglich Fritzſche und Winer zu nennen; jener mit mehrern ſeiner exegetiſchen Schrif⸗ ten, vorzüglich aber mit ſeinem Commentare zu Matthäus und Markus, ſo wie mit dem Commentare zum Briefe an die Römer Halle 1836]; dieſer gleichfalls mit mehrern exegetiſchen Schriften, aller⸗ meiſt aber mit ſeiner öfters angeführten Grammatik des neuteſtamentlichen Sprachidioms u. ſ. w. [5te Aufl. Leipz. 1844.]. Eine einſichtsvolle Würdigung der beſſern philologiſchen Principien in ihrer Anwendung aufs Neue Teſtament, iſt bei H. G. Hoelemann Commentatio de interpretatione sacra cum proſana feliciter coniungenda. Lips. 1832. 8. zu finden.

Es beſteht aber das Weſen jener rationalen Behandlung der ſprachlichen Erſcheinungen vor allen Stücken darin, daß man dieſe nicht, wie das die unkritiſche Empirie thut, als etwas nur Aeußerliches, ſondern als Abdruck des Denkens nimmt, alſo den Geſetzen nachzuforſchen ſich bemüht, nach welchen die Anſchauungsweiſe eines Volkes ſich richtet. Darum geht man bei jeder ſprachlichen Erſcheinung, ſeien es die Worte als ſolche in materieller Beziehung, oder ſei es ihre grammatiſche Form, in welcher ſie entgegentreten, von der Grundbedeutung d. i. von der Idee aus, welche jedem Worte als einem Redetheile, oder jeder grammatiſchen Form, worin ein Wort auftreten kann, in dem Geiſt der griechiſchen Nation unterlag. Indem man ſo verfährt, jene Idee alſo mit aller Schärfe faßt und alle Gebrauchsweiſen auf jene Grundbedeutung zurückführt, wird man das große Heer von Ellipſen, welches die Willkühr bisher annahm, bedeutend vermindern und die Enal⸗ lage, welche oft das Ungereimteſte ſtatuirte, in ihre natürlichen d. i. engen Gränzen zurückdrängen. Selbſt bei Abweichungen von den feſtſtehenden Sprachgeſetzen, die entweder als allgemeiner Sprach⸗ gebrauch usus loquendi vorkommen, oder nur als Eigenheiten eines einzelnen Schriftſtellers ſich finden, iſt die rationale Behandlung bemüht zu zeigen, wie ſie im Geiſte des Sprechenden oder Schreibenden herbeigeführt wurden.Die Sprache erſcheint bei dieſer Behandlung, um es mit den Worten Winer's a. a. O. S. 11. zu ſagen,als unmittelbarer Abdruck des griechiſchen Den⸗ kens, als lebendiges Idiom; man bleibt nicht bei der bloßen Erſcheinung ſtehen; man führt jede Sprachform und Wendung auf den denkenden Geiſt zurück und ſucht dieſelbe in ihrer Ent⸗ ſtehung innerhalb des Geiſtes zu begreifen.

Aus den Geſetzen des Denkens und nach Maßgabe der Verhältniſſe, in welchen jene zur An⸗ wendung kommen, leitet man die Anſchauungsweiſe des Volkes ab und beſtimmt darnach die Grund⸗

prodant, nullam illarum legum rationem habeant, sed propria verborum vi neglecta scriptorum dixisse contendant, quae talibus verbis nemo sane mente praeditus dicere unquam potuit. Vergl. noch Ebendes⸗ ſelben Abhdl.: de causis praecipuis contortarum interpretationum N. T. Lips. 1800, wiederholt in den Sy- nonym. in N. T. I. p. 252. sqq. und beſprochen in Hoffmann's Alterthumswiſſenſchaft I. S. 55.