Jahrgang 
1850
Einzelbild herunterladen

2

dieſe Anſtalten gereihet. Freilich ſtanden auch ſie unter dem Einfluſſe des ſo genannten neuen Zeit⸗ geiſtes, der ſeit der erſten franzöſiſchen Revolution im Jahre 1789 ſich fort und fort auch in unſrem lieben Vaterlande Eingang verſchaffte, ja reißende Fortſchritte machte. Oder kann man es in Abrede ſtellen, daß von der im Eingange dieſes Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichenden rationaliſtiſchen Richtung auf dem Gebiete des chriſtlichen Glaubens, noch mehr aber von der pan⸗ theiſtiſchen Sturmperiode im zweiten und dritten Dezennio die Gymnaſien unberührt geblieben ſind? Haben damals nicht viele ihr oben angegebenes Ziel faſt ganz aus dem Auge verloren? Von dem Aufſchwunge des daran ſich reihenden induſtriellen Treibens in der ſocialen Welt fortgeriſſen haben ſich manche ein ganz andres, den excentriſchen Forderungen des Materialismus der Zeit angepaßtes Ziel bereitwillig und zuvorkommend geſteckt;*) und zuletzt von dem Hegel'ſchen Pantheismus über⸗ wältigt haben ſie mit wenigen Ausnahmen den hiſtoriſchen Boden chriſtlicher Ueberzeugungen ſo gut wie verloren und ſich gewiſſer Maßen in die Schwebe poſtirt. So konnte es nicht fehlen, daß der bisherige Geiſt ſittlicher und religiöſer Bildung mehr und mehr verdrängt wurde, ohne welchen keine Schule, auch kein Gymnaſium, beſtehen kann. Eine Rückkehr zu dem chriſtlichen Geiſte, wenn nicht Alles verloren gehen ſollte, wurde auch ſchon vor der Kataſtrophe im Jahre 1848 wenigſtens von dem Preußiſchen Miniſterio des Cultus lebendig empfunden und ſeine Zurückführung in die Schulen auf das ernſtlichſte angeſtrebt.**) Das Mittel dazu iſt von den beſſer Unterrichteten längſt erkannt worden und beſteht in der ſtetigen, unmittelbaren Rückkehr zu dem Brunnen des Waſſers, das in das ewige Leben quillet[Joh. 4, 14.], woraus zu ſchöpfen für Jedermann nothwendig iſt, der in der Erkenntniß des chriſtlichen Glaubens und Lebens wachſen will und ſoll. Daß unter dieſe Kategorie die Jugend, insbeſondere auch die ſtudirende, fällt, welche berufen iſt, dereinſt irgend wie Träger der chriſtlichen Kirche zu werden, leuchtet von ſelbſt ein; und jenes um ſo mehr, da gerade in der neueſten Zeit gegen die Gymnaſien die ſchwere Anklage erhoben worden iſt, daß auch ſie mehr oder weniger direct oder indirect durch ihre theilweiſe Glaubensloſigkeit und Entfernung von dem Worte des Lebens, das unſers Fußes Leuchte ſein ſoll, den Weg mit bereitet haben, auf welchem die Grauen erregende Neologie auf dem Gebiete der Religion und Philoſophie, ſo wie der Alles in Schreck und Verwirrung bringende Radicalismus und Communismus in der Politik und in den ſocialen Bezügen der Menſchheit vor Kurzem ſo mächtig einhergegangen ſind und unver⸗ wiſchliche Spuren ihres verderblichen Einfluſſes zurückgelaſſen haben. Gegen dieſe Anklage, noch mehr gegen dieſe ſchmachvollen Auswüchſe des menſchlichen Geiſtes, worauf ſich jene bezieht, wappnen ſich die Gymnaſien am ſicherſten durch fleißiges Suchen und Forſchen in der heiligen Schrift, wodurch zugleich mit errungen wird nicht nur chriſtliche Zucht und Ordnung innerhalb ihrer Räume, ſondern

*) In eindringlicher Sprache hat über dieſe materialiſtiſche Richtung der Gymnaſien ſich geäußert Dr. Friedr. Röder in den pädagogiſchen An⸗ und Ausſichten. Abhandlung des Oſterprogramms des Gymnaſiums zu Nordhauſen vom Jahre 1843..

**) Vergl. Dr. Eilers in der Schrift: Zur Beurtheilung des Miniſteriums Eichhorn. Berlin 1849, beſ. von S. 119 an.