Vergangenheit hierin nicht zurücksteht. Zwar wird wie in früheren Zeiten manchmal gefehlt und geirrt— das liegt in der Natur des Menschen—, und es will nicht viel bedeuten, wenn heute der Karzer mit seinem Schrecken verschwunden ist. Auch ist nicht zu bestreiten, dass heute, wo die jugendliche Welt unter dem Zeichen des Fahrrads steht, Ablenkungen aller Art es erschweren, die Schüler an eine gesammelte Aufmerksamkeit und Arbeitsamkeit zu gewöhnen; aber neben den er- schwerenden Einflüssen gehen doch auch Fortschritte auf verschiedenen Gebieten der Kultur einher, welche der Jugenderziehung zu gute kommen. Man hat unser Jahrhundert ein„achtungswertes Jahrhun- dert realer Arbeit und frischer Thatenlust“ genannt. Reges Streben und Anspannung der Kräfte in den meisten Kreisen der Erwerbenden und Beamten umgiebt unsere Jugend auch ausserhalb der Schule, und in ihren Herzen wirken bürgerliche, fürstliche, königliche Vorbilder echter That- kraft und gewissenhafter Pflichterfüllung. Daher kommt es, dass die Jugend heute nicht unfleis- siger ist und ihre Pflichten nicht schlechter erfüllt, als früher zur Zeit der siebenstelligen Loga- rithmentafeln, des lateinischen Aufsatzes und der dicken Grammatiken, und dass sich im gebunde- nen Unterricht wie in dem freien Spiel ein frischer männlicher Geist offenbart. Nicht ohne Hoff- nung dürfen wir daher in das zweite Jahrhundert unseres Gymnasiums eintreten, das heute einem lebensfrischeren Organismus angehört als in den ersten Jahren nach seiner Gründung, das besser aus- gestattet ist als vor 50 oder 30 oder 10 Jahren und, obgleich es während des Jahrhunderts vielen äusseren Einwirkungen ausgesetzt war, sich doch die Grundlage wie die Ziele einer höhe- ren Bildungsanstalt bewahrt hat, sodass wir mit Recht die Worte über ihre Thür setzen durften: Deo, patriae, litteris.
Es ist ein befriedigender Ausblick, wenn wir von den gegenwärtigen Zuständen der Schule auf ihre Anfänge und ihre Entwickelung zurückschauen. Sie hat nicht aufgehört erfrischende und erneuernde Einflüsse der Zeit in sich aufzunehmen. Aber sie hat auch verderblicher, zerstörender Einwirkungen sich zu erwehren gehabt und wird nicht weniger in Zukunft auf der Wacht stehen müssen; denn die Gegenwart, von Zwiespalt und Gegensätzen durchzogen, ist eine schwierige Zeit. Glücklicherweise leuchten aus diesen Gegensätzen und Widersprüchen doch auch gemein- same Züge hervor: In Ehren steht neben dem Wirklichkeitssinne der Sinn für die Wahrheit, neben der Arbeit um materielle Güter die Arbeit um geistige Güter, der Fleiss des Forschers. Immer mehr hat sich, nachdem im neuen Reich das Nationalbewusstsein eine feste Gestalt angenommen hat, auch die UÜberzeugung verbreitet, dass im Vaterland, in deutscher Art und Empfänglichkeit die starken Wurzeln unserer Kraft ruhen, und auch der Gedanke, dass mit der einmütigen Vater- landsliebe die Treue zu Gott in Einklang zu stehen habe, hat sich im Laufe des Jahrhunderts siegreich behauptet. So mögen denn diese besten deutschen Tugenden auch zukünftig die Trieb- federn der Arbeit und die Zielpunkte des Strebens in unserer Schule sein. Möge sie die ihr anver- trauten Schüler in körperlicher Frische, aber auch in geistiger und sittlicher Zucht heranbilden und zu gewissenbafter selbständiger Arbeit sowie zum Verständnis der uns umgebenden Welt be- fähigen, damit sie dereinst sich als thatkräftige Männer mit starkem Wahrheitssinn bewähren, die den Segen ernster Arbeit kennen und sich der Mitverantwortlichkeit für das Leben unseres Volkes bewusst sind, die festhalten an echter Frömmigkeit und an der Liebe zu Kaiser und Reich!


