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Auch die Gründung der Oberschule, unseres heutigen Gymnasiums, ist dem geistigen Interesse zu danken, das unter den damaligen Bewohnern Wetzlars verbreitet war.
Zu jener Zeit standen die Gebildeten unter dem Einfluss der„Aufklärung“, einer Philo- sophie, die mit dem Tode Friedrichs des Grossen den Höhepunkt ihrer Entwickelung allerdings schon überschritten hatte.„Habe den Mut, deinen Verstand zu gebrauchen,— sapere aude“ war ihr Wahlspruch, und da nach ihr die Welt in allen ihren Gebieten für Vernunft und Verstand mit den damaligen Erkenntnismitteln begreifbar war, so führte diese einseitige Betonung des nüchternen Verstandes zwar wohl zu einer oberflächlichen Auffassung der höchsten und schwierigsten Dinge, aber sie öffnete auch in weiten Kreisen des empfänglichen Bürgertums den Sinn für eine auf die Ausbildung des Verstandes gerichtete Jugenderziehung.
Neben dieser Lehre hatten aber auch die Mahnungen des Franzosen Rousseau, es sei, im Gegensatz zur Verstandesbildung, zur Kultur und zu den Schranken einer verbildeten Gesellschaft, vor allem den Ansprüchen des Gefühles und des Herzens, der Neigung, dem Rechte der Natur und der freien Persönlichkeit Rechnung zu tragen, in Deutschland einen Sturm und Drang her- vorgerufen, dem sich die jugendlichen Geister nicht entziehen konnten, wie denn auch Goethe während seines Wetzlarer Aufenthaltes diese Wirkung an sich verspürt hatte.
Beide eigentlich entgegengesetzten Anschauungen hatten doch so viele Berührungspunkte, dass sie auf dem Gebiete des Erziehungswesens ihren gemeinsamen Ausdruck fanden. Es sind die sogenannten Menschenfreunde, die Philanthropisten, denen es gelang, ihre lebhafte, geradezu schwärmerische Begeisterung für eine vernunft- und naturgemässe Erziehung des ganzen Menschen, einschliesslich des Lelbes, für eine Berücksichtigung des im Leben wirklich Brauchbaren, Gemein- nützigen und Glückseligmachenden auf die höheren Volksschichten zu übertragen. An vielen Orten entstanden Gesellschaften zur Förderung der Bildung und der Jugenderziehung; auch in Wetazlar bedurfte es nur eines äusseren Anstosses zur Vereinigung aller, die bereit waren, für die Verbesserung oder Neubildung des hiesigen Schulwesens mit Rat und That einzutreten, jas selbst ihre Person unentgeltlich in den Lehrdienst zu stellen. So entstand die Wetzlarische ge- meinnützige Gesellschaft, die bald 174 Mitglieder aufwies, eine beträchtliche Zahl, wenn man er- wägt, dass am hiesigen Orte damals im ganzen etwa 600 erwachsene Personen lebten.
Die Gesellschaft gewann, da sie höhere Ansprüche an das städtische Schatzamt nicht stellte, den Magistrat leicht für die Aufhebung der alten Stadtschule und die Einrichtung eines neuen reichgegliederten Schulsystems, das auch die niederen Volksschichten und die weibliche Jugend zum erstenmal besonders berücksichtigte. Die philanthropische Einwirkung blieb nun nicht auf die Gründung der neuen Anstalt beschränkt, sondern erstreckte sich auch auf das Leben und die innere Einrichtung der neuen Schulen. Die ausgedehnte Berücksichtigung der Realien an der Oberschule, des Zeichnens, Französischen, praktischen Rechnens neben dem lateinischen, deutschen, griechischen und Religionsunterricht und die Freigabe der Teilnahme an den verschiedenen Lehrfächern nach Wahl: beides und manches andere entsprach ganz den Grundsätzen der herrschenden Pädagogik. Aber eine folgerichtige Durchführung dieser Grundsätze war bei dem Mangel einer einheitlichen Leitung nicht möglich und wohl auch nicht beabsichtigt. Ja, eines der thätigsten Mitglieder der gemeinnützigen Gesellschaft und der neuen Schule, der Professor Roth, hatte sich in seiner im Jahre 1799 er-


