Jahrgang 
1894
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9 ihrem vermeintlichen höchsten Gut fort zur Wissenschaft, welche das sittlich gute Leben schafft, zur höchsten Klarheit der Erkenntnis führen. Das ist die Wissenschaft der Wissenschaften, die Dialektik, welchevon der Ahnung des Guten geleitet, alles ordnet, über alles Rede und Ant- wort giebt, das Gedachte mit dem richtigen Wort bezeichnet und sowohl das Gebiet des Denkens, wie das des Sittlichen beherrscht.

Auf Grund obiger eingehenden Erörterung der für unsere Aufgabe in betracht kommen- den Abschnitte des platonischen Staates wollen wir nun im folgenden versucheneine zusammenhangende Darstellung der Idee des Guten zu geben. Es werden hier und dort Fragen, welche im ersten Teile ihre Beantwortung nicht gefunden haben, berücksichtigt und am Schluss wird, soweit es bei den dunklen Andeutungen Platos im Staate möglich ist, das Verhältnis des platonischen Gottes zur Idee des Guten besprochen werden. Auch einige Anklänge an den christlichen Gottesbegriff mögen dort in aller Kürze angeführt werden.

Die Stelle, an welcher Plato die Episode von der Idee des Guten eingeflochten hat, ist die wichtigste im ganzen Dialog, wie ja auch die Wissenschaft von dieser Idee die erhabenste, die grösste ist(uενινον μανιννμα. Es handelt sich dort um die Erziehung eines tüchtigen Lenkers im Staate. Derselbe muss Philosoph sein. Als solcher allein erkennt er die Idee der Gerechtig- keit, nach welcher der Staat zu ordnen ist. Ihm als berufenen Lenker des Staates darf es aber nicht genügen, sich auf dem Wege psychologischer Untersuchung eine ungenaue Kenntnis aller anderen Ideen und der der Gerechtigkeit zu verschaffen, sondern er muss den weiteren, wenn auch beschwerlicheren Weg(uloreeν εα νε⁴αν ⁶ον) einschlagen, auf dem Wege der dialektischen Forschung die höchste Wissenschaft kennen lernen, zur Erkenntnis der Idee des höchsten Gutes gelangen.

Die Idee des Guten aber ist nicht etwas im Leben und in den Verhältnissen der Menschen Erkennbares, daher auch nicht die Lust(yovi) des Aristipp und der Cyrenaiker, auch nicht die zweifelhafte und mannigfach interpretierbare Einsicht(Qάυπις) des Antisthenes und der Cyniker, sondern sie ist etwas spezifisch Platonisches, der Welt des Intelligiblen Angehörendes, rein mit der Vernunft zu Erfassendes. Die Wissenschaft von der Idee des Guten ist daher auch die grösste, aber wir besitzen, sagt Plato, noch keine genaue Kenntnis derselben. Daher ist es schwer zu sagen, was die Idee des Guten selbst sei, schwer eine Definition derselben zu geben. Es muss vorerst genügen, einen ihr angemessenen, ihr entsprechenden Abkömmling(᷑ν᷑νονοs) Zu zeigen. In Analogieen mit diesem eröffnet uns Plato, was er über die Idee des Guten selbst im Staate dargestellt hat. Der Grund, weshalb Plato diese Darstellungsform wählt, liegt wohl darin, dass er uns das Gute bei der Schwierigkeit seiner Erkenntnis doch möglichst klar und in seiner vollen Würde vorführen wollte. Denn hätten wir wohl einen deutlichen Begriff von seinem Wesen und Inhalte bekommen, wenn er einfach gesagt hätte, sie ist das ν, das 1ααοααεμσαα ⸗der Ideen? Wir wissen nämlich, dass Plato in der späteren Form seiner Lehre das Gute vorzugsweise als das Eins bezeichnete. Auch darin liegt offenbar eine bedeutende Schwierigkeit für die Bestim- mung der Idee des Guten, dass sie unter den Ideen die allgemeinste ist, denn sie ist die höchste aller Ideen und diese nehmen alle an ihr teil. Dieser Schwierigkeit war Plato sich wohl bewusst

und er verzichtete deshalb darauf, die Idee des Guten durch einen Begriff zu erklären. Er erkannte 2