gequält, davoneilen, sich wieder zu den Schattenbildern wenden, welche er anzuschauen vermag, und bei seiner früheren Meinung verharren. Soll endlich jener aus der Höhle an das helle Licht der Sonne geführt werden, so sind seine Augen geradezu geblendet, sodass er infolge der plötz- lichen Veränderung von Dunkelheit und Licht nichts von den genannten Gegenständen anzublicken im stande ist. Gewöhnung ist daher vor allen Dingen nötig, um das Licht zu ertragen und in demselben die Dinge zu schauen. Zuerst muss er die Schatten der verschiedenen Gegenstände etwa im Wasser zu betrachten versuchen, dann die Gegenstände selbst, dann den gestirnten Himmel während der Nachtzeit und endlich die Sonne selbst. Dann erst ist es ihm möglich. Betrachtungen anzustellen über das Wesen der letzteren, über den durch sie bewirkten Wechsel der Jahreszeiten, ihre Wirkungen im Reiche der sichtbaren Natur. Autf diesem Wege gelangt er schliesslich durch Kombination zu der Erkenntnis, dass die Sonne die Ursache der Schatten in der Höhle war, dass sie den Dingen in der sichtbaren Natur Ursprung, Gedeihen und Wachstum verleiht. Daher wird er denn auch mit Recht die Sonne als die Ursache der allmählichen Er- kenntnis aller jener Erscheinungen anerkennen. Vom vermeintlichen Wissen ist er stufenweis gelangt zur Ueberlegung, ob dieses Wissen ein wahres sei, dann zu der Vermutung, dass das- selbe ein falsches sei, dann zu der Ahnung des Wirklichen und endlich zum wahren Wissen selbst.
Jetzt soll der eben zum Licht und zum Wissen Gelangte an seine frühere Lage, an seine Mitgefangenen, an sein früher vermeintliches Wissen, das er jetzt mit Recht ᷣ nennt, zurück- denken. Da ist es nicht zu verwundern, dass er jene bemitleidet und, selbst wenn es Ehren- bezeugungen unter ihnen inbetreff genauer Unterscheidung der Schatten in der Höhle gäbe, nicht wünscht dorthin zurückzukehren, sondern jenes Wissen verachtet und mit Achilleus spricht, dass er lieber auf der Oberwelt, der des Lichtes, als Tagelöhner einem armen Manne dienen wolle als in der Unterwelt jenes Scheinleben führen und jenes Scheinwissen besitzen.
Käme ein solcher trotzdem einmal wieder in seine frühere Lage ganz plötzlich zurück, so würden seine Augen zuerst wiederum durch den jähen Wechsel von Licht und Dunkelheit geblendet sein. Sollte dieser dann den Gefesselten von dem, was er gesehen und erkannt, erzählen, dieselben bereden auch hinaufzusteigen und den Versuch zur Befreiung derselben machen wollen, so würde er den grössten Widerstand bei ihnen finden.
Dieses Bild mit seinen Einzelheiten will Plato auf die sichtbare Welt und auf den idealen Bildungsgang oder auf die Bildungsfähigkeit der Menschen bis zur höchsten Erkenntnis angewendet wissen mit besonderer Berücksichtigung der vorigen Erörterungen. Er selbst giebt uns den Schlüssel, die Erklärung obigen Gleichnisses.
Die unterirdische Höhle ist die erscheinende Weelt, das in der Ferne leuchtende Feuer ist die Sonne. Wer sind aber die armen Unglücklichen, an Haupt und Schenkeln Gefesselten, und was sollen die Fesseln bedeuten, welche jene an der Erkenntnis der wirklichen Dinge und des Lichtes hindern? Plato selbst sagt es uns nicht; doch können wir es wohl aus dem Zusammen- hange und dem Zwecke, welchen er mit diesem Bilde verbindet, erraten. Es sind die Menschen in dem Zustande, bevor sie sich erhoben haben, zu der Erkenntnis des wahren Seins, der Ideen, vorzudringen; die Fesseln sind der Bann, welcher, sie festhaltend an der Betrachtung des Ir- dischen(uv ν), an dem Dunklen(uνπτες), dem Bereiche des wandelbaren Werdens, sie an der höheren Erkenntnis des dνᷣκα τον υνι τ φ◻νινο hindert. Ganz allmählich wird derselbe durch- brochen durch Regung des Strebens nach dem Höheren, denn das Wissen davon ist der Seele


