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In der Nacht des 4. Mai brach in der Nähe des Gymnasiums ein Brand aus; der Unterricht musste am folgenden Vormittage ausgesetzt werden.
Am 7. Juni nachmittags wohnten die evangelischen Schüler der beiden oberen Klassen mit einigen Lehrern in der Nachbarstadt Giessen einer Aufführung des von H. Herrig gedichteten Lutherfestspieles bei.
Durch den am 15. Juni, wenige Monate nach dem Heimgang Kaiser Wilhelms I., erfolgten Tod Seiner Majestät des Kaisers und Königs Friedrich wurde das deutsche Volk aufs Neue in tiefe Trauer versetzt. Zum Gedächtnis des hochseligen Herrschers fand am 30. Juni in der Aula eine öffentliche Trauerfeier statt.
Am 16. Juli wurde Seiner Majestät Wilhelm II., König von Preussen, der vorgeschriebene Diensteid von Lehrern und Beamten der Anstalt in feierlicher Sitzung geleistet.
Am 9. August verschied unerwartet im hohen Alter von 79 Jahren und im 59. Jahr einer erfolgreichen Amtsführung der Senior des Lehrerkollegiums, Gymnasiallehrer Rüttger. Unsere Anstalt, an welcher derselbe 44 Jahre hindurch mit aperkannter Treue und Pünktlichkeit in edler Uneigennützigkeit wirkte, wird dem Verewigten ein freundliches und dankbares Andenken bewahren. Da die erledigte Stelle nicht sofort wieder besetzt werden konnte, übernahmen die wissenschaftlichen Hilfslehrer Dr. Hoffmann und Knublauch, sowie der Gymnasiallehrer Brass die Vertretung. Ein Teil des Zeichenunterrichtes musste zeitweise ausfallen.
Sämtliche Klassen machten unter der Leitung der Ordinarien oder anderer Lehrer einen Tagesausflug und zwar: Sexta nach der Dianaburg am 28. Juli; Sekunda nach Weilburg am 31. Juli; Prima nach Dillenburg, Tertia nach Hohensolms und Gleiberg, Quarta nach der Dianaburg und Quinta nach Braunfels am 2. August. Einige botanische Exkursionen wurden an freien Nachmittagen unter Leitung des Herrn Gymnasiallehrers Brass ausgeführt. Die einer Aktiengesellschaft gehörige, unter guter Aufsicht stehende Badeanstalt wurde von 121 Schülern benutzt.
Am 15. August schloss das Sommerhalbjahr. Das Winterhalbjahr wurde am 20. September eröffnet.
Der Gesundheitszustand der Schüler war befriedigend. Im Laufe des Winters wurden mehrere Schüler der unteren und einzelne der mittleren Klassen von den Masern befallen, die gutartig verliefen. Andere Krankheiten wie Magenkatarrh und Halsentzündung kamen vereinzelt vor.
Gymnasiallehrer Dr. Mücke, welcher vom 1. April 1889 ab in Ruhestand versetzt ist, erhielt am 1. Januar d. J. einen bis zum Ende des Schuljahres dauernden Urlaub. Seine Vertretung übernahm der wissenschaftliche Hilfslehrer Herr Georg Berkenbusch aus Bückeburg, welcher zuletzt am Gymnasium zu Wesel thätig war.
Zu vertreten waren ausserdem: Gymnasiallehrer Brass vom 2. bis 14. Juli wegen einer Dienstleistung als Reserveoffizier und 2 Tage im September wegen Erkrankung, Dr. Tietzel einige Tage im August und im Januar; Dr. Spies vom 15. bis 27. Februar, Professor Dr. Hänisch vom 19. Februar bis zum Schluss des Schuljahres wegen Erkrankung.
Den Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers und Königs, welcher im laufenden Jahre auf einen Sonntag fiel, beging die Anstalt am Tage vorher, den 26. Januar morgens 11 Uhr in der festlich geschmückten Aula mit einer öffentlichen Feier, bei welcher nach Gesängen und anderen Vorträgen der Schüler Herr Gymnasiallehrer Dr. Czwalina die Festrede hielt»über die Verdienste der Hohenzollern in Preussen und Deutschland«.


