Jahrgang 
1889
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wird er am 1. September 1783 als Theaterdichter angestellt, aber das Gehalt ist höchst kärglich. Ein böses Fieber schwächt seinen Körper während des Winters; von letzterem sagt er selbst in seinen Briefen,»dass er ihm vielleicht auf Zeitlebens einen Stoss versetzt«. Doch das alles beugt seinen starken Geist nicht.»Kabale und Liebe« wird vollendet,»Don Carlos« beschäftigt ihn; am 26. Juni verliest er vor den massgebenden Kreisen in Mannheim begeisterungsvoll seine Rede über »die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet«. Die erwartete Wirkung bleibt aus. In völliger Verkennung seines Dichtergenies legt Dalberg ihm den Gedanken nahe, dass es doch besser für ihn sei, wenn er wieder zu einem praktischen Lebensberufe, zur ärztlichen Thätigkeit, zurückkehre, verweigert ihm aber die erbetenen Mittel für ein Jahr ärztlichen Studiums.

Immer trostloser wird seine Lage. Völlig im Stiche gelassen von dem Manne, auf den er immer wieder seit seiner Flucht aus Stuttgart seine Hoffnung gesetzt, im geheimen verfolgt durch den Neid und die Eifersucht von Männern, welche ihm seinen Dichterruhm zu schmälern suchen, von Geldnot aufs äusserste bedrängt, verschuldet in Stuttgart, in Bauerbach, in Mannheim, in Gefahr lieben Menschen, die für ihn Bürgschaft geleistet, ja der eignen Familie entfremdet zu werden, ist er im Juli 1784 der Verzweiflung nahe, gelähmt in der Kraft seines Schaffens:»Alles stand auf dem Spiele. Gegenwart und Zukunft und der Wille zum Leben«. ¹) Aus der drückendsten Not wird er von seinen edel denkenden Hauswirten befreit; aber in seinem Verhältnisse zu Dalberg und zum Theater in Mannheim tritt keine Aenderung ein; für die Zukunft bietet sich in Mannheim keinerlei Aussicht.

Da treten Zzwei Ereignisse ein, welche seinen Blick nach dem Lande richten, das ihm bald zu einer zweiten Heimat werden sollte: die Briefe Körners und Hubers aus Leipzig im Juni 1784 und die Begegnung mit dem Herzoge Karl August von Sachsen-Weimar in Darmstadt, in den Tagen vom 23. bis 29. Dezember 1784, welche ihm zunächst die Ernennung zum»Sachsen-Weimarischen Rat« eintrug. Die Hoffnungen, zu welchen ihn jene Briefe ungekannter Freunde und Freundinnen aufrichten, lassen ihn sich seines Dichterberufes wieder freuen und versöhnen ihn mit Gott und seinem»oft harten Verhängnis«, wie er am Schlusse des bekannten Briefes an Frau von Wolzogen schreibt, während ihn»die traurigen Stimmungen seines Herzens und der Tumult der Zerstreuungen« in jener Zeit den Mut nicht finden lassen, den Freunden zu danken. Erst im Dezember entledigt er sich dieser Schuld und ergreift nach dem Eintreffen der freundlichsten Antwort und der wiederholten herzlichsten Einladungen die dargebotene Freundeshand um so lieber, als sie ihn dem Manne näher rückte, der ihm in Darmstadt so freundlich begegnet war.

Im Verlaufe des Februar 1785 vollzieht sich endgültig der Bruch mit Mannheim und allem, was ihn an diese Stadt fesselte. Treue Liebe und uneigennützige Freundschaft sowie das»unter den mannigfaltigen Bizarrerieen des Schicksals« ihn nicht verlassende Gefühl seiner selbst, das ihm eigne Pflichtgefühl und die zielbewusste Entschiedenheit seines mannhaften Charakters, der Genius des grossen Menschen und Dichters retten ihn aus der bedenklichsten Lage, in welche ihn schliesslich dlie bestrickende Leidenschaft einer Frau gebracht, mit der er seit dem Mai des vergangenen Jahres in nähere Berührung gekommen war, der Charlotte von Kalb. In diesem»Riesenkampfe« ²) zwischen Neigung und Pflicht, Sinnlichkeit und Vernunft, der, wie Brahm überzeugend nachzuweisen sucht, in

1) Brahm a. a. 0. S. 345. ) Vgl. das Gedicht»der Kampf«.