32 freien Fall erfolgen müsste, und nachdem diese Frage günstig entschieden war, machte er die be- kannten, endgültig beweisenden Experimente.*)
Einen im wesentlichen gleichen Gang halten die meisten Schulbücher ein. Offenbar hat hier die klassische Untersuchung des grossen Schöpfers der Dynamik zum Vorbild gedient. Aber eine Entdeckung wird selten auf der gewöhnlichen Strasse gemacht; es charakterisiert den Genius, dass er von ganz unscheinbaren Thatsachen in raschem Fluge zu sehr allgemeinen und bedeutungs- vollen Wahrheiten emporsteigt. Doch bilden jene für den gewöhnlichen Unterricht nicht immer die zweckmässigste Grundlage, und ich glaube nicht zu irren, dass der von mir vorgeschla- gene Ausgangspunkt, nämlich das durch Versuche zur Anschauung gebrachte Erfahrungsgesetz, besser gewählt ist.
3. Die Theorie des Schwerpunktes.
Ist in der Lehre vom freien Fall das empirische Verfahren entschieden vorzuziehen, weil die bei der Deduktion notwendige Annahme, die Impulse der Erde seien konstant, zwar leicht plausibel zu machen, aber doch nicht das Resultat direkter Beobachtung ist, so liegt für die Theorie des Schwerpunktes die Sache schon anders. Sie kann mit Leichtigkeit aus der Lehre von den parallelen Kräften abgeleitet werden, und wenn diese nur auf Erfahrung basiert ist, so ist auch für die De- duktion der feste Boden vorhanden. Man wird daher vielleicht gut thun, nach dem Muster der experimentellen Forschung die Hauptlehrsätze empirisch zu ermitteln, dann die Deduktion folgen zu lassen und das Ergebnis derselben mit den empirischen Gesetzen zu vergleichen. Das Verfahren würde etwa folgendes sein:
I. Empirische Behandlung. a) Definition. Es gibt für jeden Körper einen Punkt, durch dessen Unterstützung der Körper in Ruhe gehalten wird, in welche Lage er auch um diesen Punkt gedreht wird. Um diesen Erfahrungssatz zu finden, macht man zuerst ein Experiment: Ein Stab ist an verschiedenen Stellen durchbohrt. Steckt man durch eine der Durchbohrungen einen Stift, dessen Enden man auf ein Stativ legt, und dreht den Stab zur Seite, so kann man die Geschwindig- keit beobachten, mit welcher er in eine bestimmte Lage zurückkehrt. Die Geschwindigkeit ändert sich, wenn man den Stab an anderen Stellen unterstützt. Auf solche Weise wird der Schwerpunkt ermittelt, und es ergeben sich zugleich die Begriffe des stabilen, indifferenten und labilen Gleichge- wichts. Die Beweiskraft des Experimentes wird verstärkt durch den Hinweis auf Beobachtungen, welche der Schüler ausserhalb der Schule täglich machen kann.(Wagenrad. Wagebalken.)
b) Es gibt nur einen Schwerpunkt. Man hängt eine an verschiedenen Stellen fein durch- bohrte(beliebig gestaltete, aber überall gleich dicke) Platte(am besten von Metall) an einem Faden auf, der nach und nach durch jede der Durchbohrungen gezogen wird. Es zeigt sich dann, dass die Fadenrichtungen sämtlich durch den nämlichen Punkt gehen.— Ein Körper dreht sich so lange, bis der Schwerpunkt die tiefste Lage einnimmt.
c) Ein von unten unterstützter Körper. Am einfachsten wird eine schiefe Ebene als Basis benutzt. Die Stabilität kann annähernd gemessen werden.
d) Anwendungen. Schwerpunkt beim Menschen, beim Lastträger— Spielereien: bergan rollender Doppelkegel, sich selbst aufrichtende Flasche— Schwebebaum beim Turnen.— Lampen erhalten einen breiten Fuss.
*) cf. Poggendorff, Geschichte der Physik S. 229— 231. E. Dühring, Krit. Geschichte der allg. Principien der Mechanik 1873, S. 21— 33.


