Jahrgang 
1883
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lässt, ohne dass die Erscheinung dadurch verändert wird. Athanasius Kircher(1601 bis 1680) hatte gefunden, dass ein gefesseltes Huhn auch nach Lösung der Fesseln auf dem Boden liegen blieb, wenn von dem Auge des Tieres ein Kreidestrich in Form eines Bindfadens gezogen ward. Der Kreidestrich, welchen das Huhn für einen Bindfaden ansah, veranlasste nach Kircher die Regungslosigkeit und galt lange Zeit als notwendige Vorbedingung für das Gelingen des Versuches.

Prof. Czermak(1872), welcher der Einbildungskraft des Huhnes nicht so viel zutraute, son- dern in der merkwürdigen Erscheinung eine Art Hypnose vermutete, liess den Kreidestrich weg, und da es trotzdem gelang, die von Kircher mitgeteilte Erscheinung hervorzurufen, so war damit erwie- sen, dass der Kreidestrich sich mit derselben nicht im Causalnexus befand.*)

Gelingt es nun durch ähnliche Beobachtungen nacheinander alle Umstände bis auf einen einzigen zu eliminieren, so ist dieser eine sicher die Ursache des untersuchten Phänomens. Doch müsste wegen der zahlreichen, mit jeder Erscheinung nur zufällig verbundenen Nebenumstände die Menge der beobachteten Fällen so gross und mannigfaltig sein, wie sie die Wirklichkeit wohl nie darbieten möchte. Die auf den genannten Forschungsgrungsatz sich stützende reine Beobachtungs- methode wird also die Untersuchung nicht zu Ende führen können. In dieser Not eröffnet sich ein anderer, rascher zum Ziele führender Weg durch die Anwendung des Experimentes.

2. An welchem Orte, zu welcher Zeit, unter welchen Umständen wir z. B. die atmosphärische Luft untersuchen mögen, immer treffen wir Staubpartikeln in derselben an, und da der Staubgehalt der Atmosphäre vor einem Regen sich stets viel stärker erweist, als nach einem Niederschlag, so liegt die Vermutung eines causalen Zusammenhanges nahe. Ist der Staub eine notwendige Bedingung der Regenbildung? Um die theoretisch und praktisch wichtige Frage zu entscheiden, füllte J. Aitken zwei Glasballons, den einen mit gewöhnlicher, also staubhaltiger Luft, den anderen mit sorgfältig durch Watte filtrierter, staubfreier Luft und plies dann rasch in beide Gefässe Wasserdampf ein: sofort erfolgte im ersten Ballon die Bildung des Nebels, während die filtrierte Luft im zweiten Ballon ganz klar blieb.

Durch das Experiment waren zwei Fälle geschaffen; in dem einen fand ein Niederschlag statt, in dem anderen ähnlichen Falle blieb diese Erscheinung aus. War nun der Versuch exakt ausgeführt und genau beobachtet, d. h. unterschieden sich die beiden Fälle durch nichts anderes, als durch die Anwesenheit des Staubes, wann Niederschlag eintraf, und durch Abwesenheit aller Staubpartikeln im Falle des Nichteintreffens, so stand fest, dass der Staub ein Regenbildner, dass ohne Staub kein Regen möglich war. Zwei gute Beobachtungen reichten hin, um das Gesetz zu beweisen.**)

Der Grundsatz, auf welchem die Beweiskraft des Versuches und in der Regel jedes guten Experimentes beruht, ist von Mill als das zweite Axiom der experimentellen Forschung bezeichnet: Ein Umstand, welcher nicht eliminiert werden kann, ist durch ein Gesetz mit der Naturerscheinung verknüpft.

Faraday hatte den Analysator eines Polarisationsapparates so gestellt, dass der polarisierte Strahl einer Lampenflamme erlosch. Machte er ein in dem Wege des polarisierten Strahles befind-

*) cf. Preyer, Ueber das Magnetisieren. Ein Beitrag zur Physiologie des Erschreckens. Deutsche Rund- schau 1877 S. 100 109.

**) Nature 1880. Revue der Naturwissenschaften 1882. Tageblatt der 55. Vers. deutscher Naturforscher u. Aerzte zu Eisenach 1882. S. 106 116.