Jahrgang 
1883
Einzelbild herunterladen

3 3

Sämtliche Naturwissenschaften stimmen zunächst darin überein, dass die Gegenstände ihrer Erkenntuis einzelne Thatsachen sind, welche mit den Sinnen wahrgenommen werden. Die Gestalt des Alaunkrystalls, die Blüte der Anemone nemorosa, der Kreislauf des Blutes, die Diosmose einer Zuckerlösung durch eine tierische Membran, die Entwickelung salpetriger Dämpfe, der Regenbogen, der dem Blitz folgende Donner, alle diese einzelnen Thatsachen werden beobachtet. Mit dieser Beob- achtung eines unveränderlichen Gegenstandes oder einer physikalischen Veränderung beginnt jede

naturwissenschaftliche Untersuchung, wenn auch keine Wissenschaft sich auf die Ansammlung von

Beobachtungsmaterial beschränkt. Dasselbe ist nicht immer leicht in der erforderlichen Vollständig- keit und Genauigkeit zu erhalten.

Gilt es schon für schwierig, einen einzigen menschlichen Schädel richtig auszumessen,*) welche Mühe muss es z. B. gekostet haben, bis es den Forschern gelungen war, jene kleinen Bacte- ridien im Blute der am Milzbrand erkrankten Tiere zu entdecken, ihire Entwickelung und Vermehrung in verschiedenen Nährflüssigkeiten, die Art ihres Imports und ihre Einwirkung auf verschiedene Tiere zu beobachten und ihre Keimkörner in den Kriechröhren and dem Darmkanal der Regenwürmer aufzufinden?

Jahrhunderte lang hatte man Gegenstände fallen sehen, und doch bis zur Zeit Galileis nicht beobachtet, dass alle Körper gleich schnell fallen, wenn der Luftwiderstand nicht verschieden ist.

Erst im Anfang unseres Jahrhunderts gelang es, die östliche Abweichung einer in die Tiefe fallenden

Kugel zu beobachten, zu messen und endgültig einen Einwand gegen die Axendrehung der Erde zu beseitigen, welchen die Freunde Galileis vergeblich mit metaphysischen Gründen bekämpft hatten.

Instrumente der verschiedensten Art unterstützen den Beobachter in seiner Arbeit, die Natur- erscheinungen durch genaue Messungen in ihren einzelnen Teilen und in ihrem ganzen Verlaufe zu verfolgen. Durch zehn- und hundertfältige Wiederholung wird die Beobachtung von Fehlern befreit; wo störende Einflüsse die direkte Wahrnehmung beeinträchtigen, sucht man durch Schlüsse aus anderen Erfahrungen die Thatsache wenigstens mittelbar zu erfassen. So blieb die Beobachtung von L. Dippel, dass die kleinsten mit dem Mikroskop erkennbaren Gegenstände etwa ⁄36o Millimeter Länge haben, unsicher, bis sie an den Linien verschiedener Diatomaceen, am feinsten Nobert'schen Liniensystem wiederholt und von verschiedenen anderen Mikroskopikern bestätigt war. Noch grössere Zuverlässigkeit gewann aber diese ihrer Natur nach von subjektiven Fehlern nicht ganz freie Wahr- nehmung, als Helmholtz und Abbe durch theoretische Erwägungen zu fast gleichem Ergebnis kamen.**)

Es ist bekannt, dass alle unsere Erfahrung nicht einzig das Produkt der Sinnesempfindung ist, sondern ein apriorisches Element enthält, welches man nicht beseitigen kann, weil es durch unsere Organisation bedingt ist.***) Aber unsere Wahrnehmungen verbinden sich, gewöhnlich ohne dass wir es merken, auch mit Folgerungen, welche wir doch von ihnen zu trennen vermögen. Was scheint uns z. B. mehr durch das direkte Zeugnis der Sinne verbürgt, als das Aufsteigen der Sonne über den Horizont? Und doch ist die Wahrheit ganz anders. Wir sehen strenggenommen nur, wie der Abstand zwischen dem Mittelpunkt der Sonne und dem Horizont sich vergrössert. Dass die Sonne in die Höhe steigt, ist ein Schluss, den wir unwillkürlich machen, weil die Bewegung der Erde sich unserer Beachtung

*) Virchow, auf dem Anthropologencongress in Frankfurt a. M. 1882. **) Poggendorffs Annalen. Jubelband 1874. Archiv für mikroskopische Anatomie X. 1873. ***) Helmholtz, Thatsachen in der Wahrnehmung. 1879. W. Preyer, die fünf Sinne des Menschen. 1870.

1*