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Die Naturforschung hat die Gesetze der Thatsachen zu suchen.
H. Helmholtz. Das Denken in der Medicin.
Unter den jüngeren Forschern hat die Zahl der gründlichen Specialisten bedeutend zugenom- men. Dass nicht in demselben Verhältnis die Zahl der philosophischen Köpfe gewachsen ist,*) liegt in der Natur der Sache. Der Forscher, welcher bei der heutigen Teilung der Arbeit seine ganze Kraft auf die Förderung eines einzelnen bestimmten Zweiges der Wissenschaft gerichtet hat, ist wenig geneigt, weitgehende Hypothesen und fremde Gebiete streifende Systeme aufzustellen oder anzunehmen. Man würde aber aus dieser Thatsache mit Unrecht folgern, dass der alte Gegensatz zwischen Philo- sophie und Naturwissenschaft, der sich unter dem Einfluss der Hegelschen Philosophie gebildet hatte, noch heute in derselben Schärfe fortdauere und vielleicht sogar notwendig für eine gesunde Entwickelung beider Wissenschaften sei.**) Nicht blos sind sich die meisten Philosophen bewusst, qass ihnen ein ernstes Studium der positiven Wissenschaften, ihres Stoffes sowohl als ihrer Methoden, unentbehrlich ist, sondern es haben sich andererseits auch Meister der Naturforschung***) eingehend mit erkenntnis-theoretischen Fragen beschäftigt.
Vor allem aber hat sich unter der vorsichtigen, kritischen Arbeit der beobachtenden, sam- melnden, experimentierenden Specialisten mit dem täglich bewunderten Wissensschatz ein mächtiges Hülfsmittel des Geistes für die Erkenntnis und Prüfung von Naturthatsachen herausgebildet; die praktische Logik hat eine wesentliche Ergänzung erfahren durch die naturwissenschaftliche Methode.
Es ist möglich, dass das Verfahren des Naturforschers der Art nach sich nicht von der wissenschaftlichen Forschung auf einem anderen Gebiete oder dem Verfahren des Praktikers unter- scheidet; †) jedenfalls hat dann die allgemeine Methode des Denkens in ihrer Anwendung auf die Naturerkenntnis eine ganz eigentümliche Gestalt angenommen. Andererseits gibt es innerhalb der Naturwissenschaft selbst für die einzelnen Gebiete und Gegenstände besondere Untersuchungsweisen, ja für ein und dasselbe Problem verschiedene Methoden, von denen eine vielleicht den Fortschritt weiter gefördert hat, als die andere. Dennoch zeigt sich in den verschiedensten Untersuchungen, seien sie nun vom Botaniker oder Chemiker, vom Physiker oder Physiologen, vom Geologen oder Astronomen geführt, eine weitgehende Uebereinstimmung, so dass wir von einer»naturwissen- schaftlichen Methode« sprechen dürfen. Wer die Principien dieser Methode kennt, ist dadurch allein noch nicht in den Stand gesetzt, Entdeckungen zu machen, aber ob eine Untersuchung richtig geführt ist, vermag er nach bestimmten Regeln zu beurteilen, und vor Irrtümern weiss er sich zu wahren.
*) M. Wagner, darwinistische Streitfragen. **) Feindschaft sei zwischen euch! Noch kommt das Bündnis zu frühe; Wenn ihr im Suchen euch trennt, wird erst die Wahrheit erkannt. Schiller, Naturforscher und Transcendental-Philosophen. **r) H. v. Helmholtz. Wundt. A. Fick. E. du Bois-Reymond. W. Preyer. †) cf. Teil II.
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