Jahrgang 
1882
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vom Denken und Sein weist aber hin auf eine an sich vorhandene, mittels deren jene eben so in uns gesetzt ist, wie in der Wahrnehmung die Dinge in uns gesetzt sind. 67) Indem nun das Original zu der in uns vorhandenen Copie nur in Gott zu suchen ist, so ist also Gott die Voraussetzung für die Zusammenstimmung des Denkens und des Seins und zwar sowohl dafür, dass unser Denken mit den ausser uns gesetzten Dingen übereinstimme, als dafür»dass unser Thun wirklich ausser uns hinausgeht und dass das äussere Sein für die Vernunft empfänglich auch das ideale Gepräge unsres Willens aufnimmt.«6S) Wenn man die Stellung, welche auf diese Weise die Gottesidee bei Schleier- macher erhält, mit derjenigen vergleicht, die sie bei andern Philosophen hat, so kommt man in Ver- suchung, die sämmtlichen Philosophen zu teilen in theistische und atheistische, nur dürfte man mit letzterem Worte keinen andern Sinn verknüpfen als diesen, dass die Gottheit keinen notwendigen Ort in dem betreffenden Systeme einnehme. Zu den atheistischen Philosophen würde z. B. Aristote- les gehören, dessen sich selbst denkender Gott eine ziemlich müssige Rolle spielt. Ebenso Leibnitz, denn seine Centralmonade ist für die Einheit seines Systems mehr hinderlich als förderlich. Auch Kant würde hierher zu rechnen sein. Zwar findet sich bei ihm einmal ein dem Schleiermacherschen ganz ähnlicher Gedankengang, nämlich in der Abhandlung 6⁹)Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht.« Hier stellt er als 8. Satz den auf:»Man kann die Geschichte der Menschengattung im grossen als die Vollziehung eines verborgenen Planes der Natur ansehen, um eine innerlich und zu diesem Zwecke auch äusserlich vollkommne Staatsverfassung zu stande zu bringen als den einzigen Zustand, in welchem sie alle ihre Anlagen in der Menschheit völlig ent- wickeln kann;« und sagt dann in Beziehung darauf gegen Ende des neunten Satzes:(Bei dieser Ansicht)»wird, was man, ohne Naturplan vorauszusetzen nicht mit Grund hoffen kann, eine tröstende Aussicht in die Zukunft eröffnet werden, in welcher die Menschheit in weiter Ferne vorgestellt wird, wie sie endlich sich doch zu dem Zustande emporarbeitet, in welchem alle Keime, die die Natur in sie legte, völlig können entwickelt und ihre Bestimmung hier auf Erden kann erfüllt werden. Eine solche Rechtfertigung der Natur oder besser der Vorsehung ist kein unwichtiger Beweggrund, einen besondern Gesichtspunkt der Weltbetrachtung zu wählen.« Hierin liegt, dass es, damit der höchste Gegenstand unsres Wollens wirklich werden könne, also überhaupt damit das Sein nach dem Denken sich richte, einer Identität der natürlichen und der sittlichen Weltordnung bedürfe, also im allge- meinen einer Identität des Seins und des Denkens, und dass diese irgendwie in Gott begründet sei, denn sonst läge in dieser Annahme keine Rechtfertigung der Vorsehung. Dazu würde dann das Complement auf seiten der theoretischen Vernunft sich von selbst ergeben. Allein es ist bekannt, wie Kant den Willen, sobald derselbe irgend einem Zweck, und wäre es selbst die Realisierung der Idee des höchsten Gutes, Einfluss auf seine Entschliessungen gestattet, der Heteronomie verfallen lässt. 70) Dies ist zwar schwer damit zu vereinigen, dass nach der in den Prologomena zu jeder künftigen Metaphysik gegebenen Erörterung über die Freiheit) die Abhängigkeit des Willens, von Vernunftideeen seiner Autonomie keinen Abbruch thut, da ein wirkliches Abhängigkeitsverhält- nis nur zwischen Dingen möglich ist, die unter denselben Bedingungen des Raums und der Zeit stehen, während die Vernunftideeen ausser Raum und Zeit gesetzt sind. Aber es ist nicht unsere Sache, hier eine Vereinigung zu versuchen. Wir müssen uns daran halten, dass nach Kants be-

67) Dialektik§ 215. vgl. p. 429 f. 68) Dialektik§ 214. 6⁰9) Kants Werke IV. p. 304 f. u. p. 308 f. 7⁰) Vgl. z. B. Kants Werke VI. p. 164 s. Anm.) Kants Werke III. p. 270.