Jahrgang 
1882
Einzelbild herunterladen

11

Wahrnehmung hat es allerdings mit dem Einzelnen zu thun, aber nicht mit dem absolut Einzelnen, denn dieses entzieht sich der Wahrnehmung. Wahrgenommen wird nur, worin das Einzelne schon auf eine Einheit bezogen erscheint. Indem die Auffassung dieser Einheit mit in der Wahrnehmung liegt, ist in derselben ein Begriffsanfang gesetzt. Diese Begriffsanfänge schliessen sich nun zu den wirklichen Begriffen zusammen, zunächst den niederen, diese dann zu den höberen, die höheren zu den höchsten. Wo der wirkliche Begriff anfängt, hört die eigentliche Wahrnehmung auf, darum aber nicht das Organische, welches vielmehr unter der Form verschiebbarer Bilder, die mehr und mehr verbleichen, nie aber verlöschen, bis in den höchsten Begriff hineinreicht. Diesem System der Begriffe entspricht im Sein das System der Kräfte. Die höchste Kraft teilt sich in niedrigere Kräfte, welche sich wieder zu den in ihnen gebundenen als höhere verhalten. Die je höhere Kraft kommt durch die niedrigere zur Erscheinung, wie der höhere Begriff in dem niedrigeren sich darstellt. Indem nun selbst die Einzeldinge sich als Kräfte zu den an ihnen wahrgenommenen Zaständen als Erschei- nungen verhalten, umfasst das System der Kräfte auch diese noch, und der Unterschied zwischen den allgemeinen Dingen und den Einzeldingen ist so wenig ein specifischer, als der zwischen den allge- meinen Begriffen nnd der Wahrnehmung.) Dies ist Schleiermachers Realismus. Wenn wir nun behaupten, dass derselbe mit dem platonischen Realismus ganz übereinstimme, so dürfte das Vielen gewagt erscheinen. Denn man ist gewöhnt, in Platos Realismus etwas ganz Wunderliches und Ge- heimnisvolles zu erblicken. Man denkt an den Phädrus, wo die Ideeen gleichsam als Hypostasen an einem überhimmlischen Orte aufgestellt erscheinen und von Göttern und Menschen aut sinnliche Weise angeschaut werden. Zieht man aber hieraus den Schluss, dass die Ideeen nach Plato»ausser- halb der Natur und ausser dem Gemüt noch irgendwo ein auf irgend eine Weise sinnliches oder irgendwie räumliches und äusseres Dasein haben,« so ist das, wie Schleiermacher sagt, 64) ein ver- wirrtes Träumen. Die Sichtbarkeit der Ideeen gehört im Phädrus zur mythischen Einkleidung. Im Phädon»regt sich kein Bedürfnis, der trocken aufgestellten Unsichtbarkeit durch ein missdeutliches Bild nachzuhelfen,«6⁵) und im 6. Buche des Staats lesen wir, dass das Viele gesehen werde, aber nicht gedacht, die Ideeen dagegen gedacht werden, aber nicht gesehen. Mit der Sichtbarkeit kommt aber auch die Hypostasierung der Ideeen auf Rechnung der mythischen Einkleidung zu stehen. In Wahrheit versteht Plato unter den Ideeen eben nur das im Sein gesetzte Allgemeine, welches sich im Idealen unter der Form allgemeiner Begriffe, im Realen unter der Form allgemeiner Dinge darstellt.

Das Verhältnis, welches Schleiermacher zwischen dem Sein und dem Denken aufstellt, hat zur Voraussetzung, dass irgendwo ihre Identität gegeben d. i. dass an irgend einem Punkte ihr Ge- gensatz in einer höhern Einheit aufgehoben sei. Auf die Frage, wo dies der Fall ist, antwortet er zunächst: unmittelbar in uns selbst. Hatte sich zwischen dem Denken und dem Sein die doppelte Beziehung gefunden, dass sich das Denken nach dem Sein und dass sich das Sein nach dem Denken richtet, so treffen wir dieselbe schon in uns an. Denn in dem eigentlich so genannten Denken findet sich unter der Form des Impulses zum Denken ein Sein, nach dem sich das wirkliche Denken rich- tet, im Wollen aber ist der Impuls das Denken, nach welchem sich das mitgesetzte wirkliche Denken als Sein richtet. 66) Ist nun auf seiten des eigentlichen Denkens sowohl als des Wollens die Identi- tät gegeben, so ist dann wieder der relative Gegensatz zwischen Denken und Wollen in uns aufge- hoben, nämlich im unmittelbaren Selbstbewusstsein oder Gefühl. Diese in uns vorhandene Identität

68) Dialektik§ 180 182. 64) Einleitung zum Phaedon p. 14. ⁶⁵) Ibid. p. 18. 66) Dialektik p. 49. 2*