10 4 gesetzten allgemeinen Begriffe ihr Entsprechendes im Sein und also Realität haben, oder ob sie blosse nomina, flatus vocis seien. Der Realismus nimmt den allgemeinen Begriffen correspondierende allge- meine Dinge an, der Nominalismus läugnet diese und weiss nur von Einzeldingen. Um der reine Gegensatz des Nominalismus zu sein, müsste der Realismus das wahrhafte Sein der Einzeldinge in Abrede stellen. Diese strikte Form des Realismus hat denn auch Spinoza im Auge, wo er in den cogitata metaphysica auf den Realismus zu sprechen kommt. 56) Er redet da von denjenigen, qui res singulares Deum ignorare sltaluunt, universales aulem cognoscere d. i. welche die Einzeldinge für einen vollkommnen Intellekt nicht vorhanden sein lassen. Dieser Ansicht entgegen sagt er: nos contra Deo singularium cognilionem lribuimus, universalium denegamus, nisi qualenus mentes humanas intelligit, wonach umgekehrt die Annahme allgemeiner Dinge in der Unvollkommenheit des Intellekts gegründet ist. Spinoza ist Nominalist. Die Worte, worauf wir dieses Urteil stützen, sind allerdings einer Schrift entnommen, in welcher Spinoza mehr des Cartesius als seine eigne Philosophie ent- wickelt. Allein dass Spinoza in dem fraglichen Punkte ganz mit Cartesius übereinstimmt, sehen wir aus den Werken, wo er in seinem eignen Namen redet. So heisst es im tlractatus theologicopoliticus. natura non creat nationes, sed indipidua, 57) was ganz dasselbe besagt als jenes: Deus non cognoscit universalia; und in der Ethik lesen wir, dass nur das Unvermögen des Intellekts der Grund für die Entstehung allgemeiner Begriffe sei, das Unvermögen, bei einer grossen Zahl von wahrgenommenen Einzeldingen jedes mit seiner Eigentümlichkeit vorzustellen. 5s) Nicht minder als Spinoza ist Kant den Nominalisten beizuzählen. Zwar haben für ihn allgemeine Begriffe Realität, aber nur als For- men des menschlichen Denkens. Die allgemeinen Dinge dagegen behandelt er ganz nominalistisch. Nur einmal in seinen Schriften stösst man auf eine realistische Denkweise, nämlich in der Abhand- lung: Träume eines Geistersehers u. s. w. Hier findet sich eine Episode vor, 59) worin Kant einen Anlauf nimmt, das allgemeine Ding»Menschheit« real zu fassen, indem er von dem Gefühl der Ab- hängigkeit unsrer eignen Urteile vom allgemeinen menschlichen Verstande und dem Gefühle der Ab- hängigkeit unsres Privatwillens vom allgemeinen Willen redet als von zwei mächtigen Kräften, die ausserhalb unsrer als Individuen zu liegen schienen. Diese Betrachtungsweise hat auch, wie er sagt, Reiz für ihn, doch wird er grade deswegen in einige Parteilichkeit gegen sie verflochten. Was nun Schleiermacher angeht, so verwirft er den Nominalismus, aber nicht minder auch jenen strikten Rea- lismus. Beide Ansichten, erklärt er, sind wahr in ihren Positionen, falsch aber in ihren Negationen. 6⁰) Für ihn haben die einzelnen Dinge Realität, ebenso aber auch die allgemeinen, und beide bilden sich im Denken ab. Hatte sich ihm als Voraussetzung des Streites ergeben, dass dem Denken überhaupt das Sein eutspreche, so nimmt er von dem Bewusstsein der Organisation als des Bindemittels zwi- schen beiden Anlass, auch im einzelnen Uebereinstimmung zu setzen. Denn wenn die Organisation wirkliches Bindeglied zwischen beiden ist, so muss, soweit das Organische im Denken sich findet, ebensoweit ein Entsprechendes im Sein gefunden werden können. Nun reicht das Organische vom Wahrnehmen an, wo es das Ueberwiegende ist, bis in unsre allgemeinsten Begriffe, woraus denn folgt, dass auch diese das Sein abbilden. 6¹) Schleiermacher ist Realist. Dass er aber die strenge Form des Realismus verwirft, hängt damit zusammen, dass es zwischen der Wahrnehmung und den allgemeinen Begriffen keinen specifischen Unterschied anerkennt, sondern nur einen relativen. 62) Die
56) Cogit. metaph. pars II.§ 5.— 5²) Tract. theologicopolit. cap, XVII.§ 93.— 58) Eth. pars. II. prop. XL. schol. I.— ⁵⁹) Kants W. III. p. 66 ff.— 60) Dialektik§ 171.— 61¹) Dialektik§§ 110— 113.— 6²) Dialektik§ 115.


