Jahrgang 
1882
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gerade das Entgegengesetzte. Schleiermacher versteht unter Identität eine Zusammengehörigkeit. Spinozas Identität dagegen ist Einerleiheit. Geistliches und Dingliches sind ihm ein und dasselbe Ding. Indem sie es nun aber sind von verschiedenen Gesichtspunkten aus angesehen, so bedeutet die Einerleiheit soviel als völlige Beziehungslosigkeit. Wie, um ein Beispiel aus der Musik zu ent- lehnen, Fis-dur und Ges-dur ganz dieselbe Tonreihe sind, nur einmal aus dem Gesichtspunkte er- höhter, dann aus dem erniedrigter Töne angesehen, und dennoch beide Tonleitern auch nicht die ge- ringste Beziehung darbieten, wohl aber durch enharmonische Verwechslung d. i. durch Vertauschung der Vorzeichnungen unmittelbar in einander umschlagen: so schlägt nach Spinoza, wenn wir im Bilde bleiben wollen, die Reihe der Dinge durch Vertauschung der Vorzeichnung in die der Gedanken um, eine reale Beziehung zwischen beiden aber ist in keiner Weise vorhanden. Stellt Schleiermacher den Satz auf:»Das Denken richtet sich nach dem Sein«, so heisst es dagegen bei Spinoza in dessen der unsrigen hierin entgegengesetzten Terminologie:»Was im Sein ist auf formale Weise, ist im Den- ken auf objektive Weise,« aber nicht etwa durch Einwirkung des erstern auf das letztere, denn »idea non ipsa ideala sive res perceptas pro causa efficiente agnoscunt, sed« etc. ⁵⁸) Der jenem cor- respondierende Satz Schleiermachers, dass das Sein sich nach dem Denken richtet, würde Spinoza womöglich noch ungereimter erschienen sein. Denn das Wollen im gewöhnlichen oder einem dem gewöhnlichen auch nur ähnlichen Sinne des Worts ist ihm fremd. Man sieht zwar nicht, warum in seinem Systeme nicht auch das vorbildliche Denken, so gut als das abbildliche seine Stelle haben könnte, nur dass man natürlich bei jenem so wenig als bei diesem an eine reale Beziehung denken dürfte. Man sieht nicht ein, warum das Denken immer nur Copie sein soll, während es nach den obersten Principien Spinozas auch Original sein könnte. 54) In der Ausführung seines Systems aber verleiht er ohne Zweifel dem Dinglichen die Priorität und giebt sich dadurch den Schein einer Nei- gung für das dem Idealismus entgegengesetzte Extrem des Materialismus. So ist es denn wiederum vorwiegend Plato, mit welchem sich Schleiermacher auch hinsichtlich unseres zweiten Gegensatzes in voller Uebereinstimmung befindet. Er definiert im Sophistes das Sein als dasjenige, dem die Ouνldsς 1005 n0¹εεν μᷣ πα ν einwohne. Unter dem Sein versteht er aber nicht, wie wir bisher, allein das Reale, sondern die höhere Einheit, dem sich der Gegensatz des Idealen und Realen unterordnet, das rauröv des Idealen und Realen. Ist dies nun der Fall, so folgt von selbst, dass diesem wie jenem zukomme, was das Wesen des Seins ausmacht, und zwar jedem von beiden in Beziehung auf das andere.

Hatten wir es eben mit dem Sein und dem Denken im ganzen zu thun, so führt uns der Gegensatz des Nominalismus und Realismus, den wir nun ins Auge fassen, zur Betrachtung ihres Verhältnisses im einzelnen. Dem Namen nach gehört er zwar einem überwundenen Standpunkt an, der Sache nach aber ist er ein bleibender.»Im allgemeinen liegt dem Realismus die transcendente, dem Nominalismus die empirische Richtung zu Grunde.«5⁵) In Schleiermachers Dialektik tritt uns der Gegensatz als der von Idealismus(= Realismus) und Realismus(= Nominalismus) vor Augen. Der Nominalismus wie der Realismus haben zur Voraussetzung, dass es ein Sein ausser dem Denken gebe. Ob es jedoch eine reale Beziehung zwischen dem Sein und dem Denken gebe oder nicht, das ist für jenen Gegensatz ohne Bedeutung. Ein beziehungsloser Parallelismus zwischen beiden, wie ihn Spinoza lehrt, enthält ebensogut die Bedingungen für die Entstehung desselben, als die Ansicht von ihrem Aufeinanderwirken. Es handelt sich nämlich um die Frage, ob auch die im Denken

53) Eth. pars II. prop. V. 54) Vgl. Schleierm. Gesch. der Philos. p. 306. 5⁵) Gesch. der Philos. p. 188. 2