die fragliche Reciprocität scheint dagegen allerdings einmal dies zu sprechen, dass Kant, bei dem von Anerkennung der Eigentümlichkeit keine Spur sich findet, dennoch gegen das dogmatische Phi- losophieren kämpft. Aber seine Polemik richtet sich doch nicht eigentlich dagegen, dass überhaupt feste Ausgangspunkte des Philosophierens angenommen werden. als vielmehr dagegen, dass man sie als solche hinstelle, ohne sich vorher durch Kritik von ihrer Festigkeit überzeugt zu haben. Von jener fortlaufenden Kritik aber, welche das heuristische Philosophieren an sich hat, ist bei ihm keine Rede. Das Umgekehrte wie bei Kant würde bei Spinoza der Fall sein. Er steht auf der Seite der dogmatischen Philosophen, und doch liegt die Anerkennung der Eigentümlichkeit im Geiste seines Systems. Denn indem das menschliche Denken wesentlich den menschlichen Körper zum Gegen- stande hat, 44) der menschliche Körper aber, und zwar der Körper jedes einzelnen Menschen das Sein Gottes unter dem Attribute der Ausdehnung auf eine ganz bestimmte besondere Weise in sich dar- stellt, scheint das Denken notwendig individuell werden zu müssen. Aber um diese Folgerung herum führt ihn unvermerkt der Satz: omnia corpora in quibusdam conveniunt, 45) woraus sich von selbst ergiebt, dass auch das Denken in gewissen Punkten übereinstimmen müsse. Freilich kommt es ihm sonst für die Natur eines Körpers nicht sowohl auf die einzelnen Bestandteile desselben an, als darauf, dass diese Bestandteile molus suos cerla quadam ratione invicem communicenl, 46) und nur in Beziehung auf dieses Verhältnis kann mit Recht gesagt werden, dass jeder einzelne Körper das Sein Gottes auf eigne Weise ausdrücke. Da er dies aber hernach aus den Augen lässt, entsteht jene äussere Zusammensetzung des Denkens aus identischen und individuellen Elementen, die sich, wie wir oben andeuteten, mit dem richtig gefassten Begriff der Eigentümlichkeit nicht verträgt.
Indem nun das Wissenwollen, das Bestreben, mittels des wissenschaftlichen Streites von Differenzen des Denkens mehr und mehr zur Uebereinstimmung zu gelangen, immerhin ein Gemein- sames voraussetzt, worauf als ausserhalb des Streites liegend zurückgegangen werden kann, darf Schleiermacher doch als dieses Gemeinsame nicht ein einzelnes, auf dem Wege der fliessenden Ge- dankenerzeugung entstandenes Wissen setzen, 47)»denn was entstanden ist, kann auch wieder streitig werden. Sollen wir es also haben, so müssen wir es immer gehabt haben d. i. es muss allem empi- rischen Bewusstsein zu grunde liegen.« Daher ergiebt sich ihm denn als wesentliche Aufgabe für die eigentliche Philosophie, das ursprünglich Gemeinsame im Bewusstsein aufzustellen. Als Inhalt desselben bezeichnet Schleiermacher die Beziehung des Denkens auf ein reales, ausser ihm gesetztes Sein und nimmt damit Position hinsichtlich eines zweiten Gegensatzes unter den Philosophen, auf welchen sich von hier aus die Aussicht eröffnet. Es ist der Gegensatz zwischen denen, welche die Welt aus beiden und denen, welche sie nur aus einem der in Frage kommenden Factoren construieren. Von letz- teren kommen diejenigen, welche das Ideale nur gewissermassen als Blüte des Realen ansehen, weiter nicht in betracht, weil sie kaum auch nur den Versuch gemacht haben, eine Philosophie zu geben. Der Gegensatz, mit dem wir es zu thun haben, erscheint daher als Gegensatz der Idealisten und ihrer zwei Faktoren annehmenden Gegner. Wenn Schleiermacher sich zu diesen schlägt, so thut er es lediglich im Verfolg der von ihm eingeschlagenen Richtung. Für den Streit nämlich, das Bestre- ben, von Differenzen des Denkens zur Uebereinstimmung zu kommen, ist es die notwendige Voraus- setzung, dass das verschiedne Denken sich wechselseitig aufhebe. Deun sonst ist kein Grund vor-
44) Eth. pars II. propos. XIII.— 4⁵) Eth. pars II. propos. XIII. lemma II.— ⁴⁶) Eth. pars II. lemma III. defin.— ⁴7) Vgl. z. B. Dialektik p. 18 f.


