Jahrgang 
1882
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6 ihrer Elemente:« dieser Gedanke tritt in den Monologen ³³⁹) ziemlich deutlich mit dem Anspruche auf, ein Originalgedanke zu sein. Und in der That, mit demselben Rechte, wie man Columbus den Entdecker von Amerika nennt, kann man in Schleiermacher den Entdecker der Eigentümlichkeit des Menschen sehen. Denn wenn auch schon vor ihm und selbst bis ins Altertum hinauf von einer innerlichen Verschiedenheit der Menschen die Rede gewesen ist, so ist es doch sein Verdienst, diesen Gedanken klar gedacht, in seiner ganzen Bedeutung erkannt und nach allen Seiten hin verwertet zu haben. Aufgegangen ist er ihm auf dem Boden der Ethik, und hier erweist sich derselbe auch am unmittelbarsten als höchst fruchtbringend, indem nur mit Hülfe seiner alles menschliche Handeln der sittlichen Beurteilung unterworfen werden kann. 40) Nachdem er ihn aber einmal in sein Denken aufgenommen hatte, musste er auch die Consequenzen ziehen, die sich rückwärts für die eigentliche Philosophie ergaben. Hier nun ist beim ersten Anblick die Idee der Eigentümlichkeit durchaus lästig. Denn sie scheint ein Wissen unmöglich zu machen, wenn anders unter Wissen dasjenige Denken zu verstehen ist, welches von allen auf dieselbe Weise vollzogen wird. Man könnte zwar, da doch die Individualität der Menschen ihre Identität nicht aufheben soll, zu der Aushülfe greifen, dass der Ort für das Wissen auf der Seite des Identischen zu finden sei. Aber die äusserliche Zu- sammensetzung der menschlichen Natur aus identischen und individuellen Elementen, wie sie hierbei vorausgesetzt wird, ist gar nicht nach Schleiermachers Sinn. Ihm ist der ganze Mensch von der einen Seite angesehen identisch mit den andern Menschen, weil er alle wesentlichen Bestandteile der menschlichen Natur in sich trägt, von der anderen Seite aber Individuum, weil jene Bestandteile in ihm eigentümlich auf einander bezogen sind. Die Eigentümlichkeit durchdringt den ganzen Men- schen und also auch das Denken.) Daher behauptet er denn folgerecht, dass es ein Wissen, ein vollständig übereinstimmendes Denken nicht gebe. 42) Es sei nur der Idee nach vorhanden. In der Wirklichkeit gebe es nur eine unendliche Annäherung an jene Idee, das Streben, durch möglichste Absonderung des Individuellen das Denken immer mehr übereinstimmend zu machen. Die Idee des Wissens erscheint in der Wirklichkeit als ein Wissenwollen, als ein Suchen nach Wissen. Es springt in die Augen, wie von diesem Standpunkte aus Schleiermacher die dogmatische Methode des Philosophierens verwerfen musste. Denn bei ihr wird der Anspruch erhoben, dass jenes erste Wissen, aus welchem das weitere abgeleitet wird, von allen angenommen werde. Wie die Idee der Eigen- tümlichkeit notwendig auf die heuristische Methode hinweist, so scheint umgekehrt die heuristische Methode auf das Vorhandensein jener Idee zurückzuweisen. Denn woher sollte sie sonst wohl stam- men? Wir haben zwar oben für möglich angesehen, dass Platos Art und Weise aus jenem äussern Umstande zu erklären sei. Diese Erklärung reicht aber schon deshalb nicht aus, weil wir dieselbe Methode finden, auch wo, wie im Sophisten und Staatsmann, Sokrates es nicht ist, der das Gespräch leitet. Es dürfte daher nicht zufällig sein, wenn bei Plato auch die Idee der Eigentümlichkeit ein, obgleich noch embryonisches, doch immerhin schon ziemlich reges Leben führt. Wir sehen dies namentlich im»Staate,« denn nicht undeutlich wird sie zuerst schon der Entstehung desselben zu Grunde gelegt, dann aber besonders bei der Erziehung der Kinder berücksichtigt. 44) Auf das reine Denken wird sie von Plato allerdings nicht ausdrücklich bezogen, aber man kann annehmen, dass sie sich, dem Philosophen selbst unbewusst, die ihr entsprechende Methode geschaffen hat. Gegen

3⁹) S. W. Abt. III. B. 1 p. 367. ⁴⁰) Grundlinien p. 59 ff. 41¹) Dialektik§ 124. ⁴42) Dialektik§ 125. Vgl. auch p. 394. 4⁴³) Vgl. Grundlinien p. 66 f. u. Gesch. der Philos. p. 102.