Jahrgang 
1882
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nommen werden, als je ein Werk ward, und Jahre, die darüber hingehen, müssen nichts geachtet werden.« Dass er dieses grosse Werk dann wirklich so gut wie vollendet hat, und die Art wie er es gethan, ist endlich das beredteste Zeugnis für seine Liebe zum Plato.

Freilich ist es noch immer ein Unterschied, Plato lieben und selbst Platoniker sein. Es würde nun erst unsere Aufgabe sein, zu zeigen, wie Schleiermachers philosophisches Denken den Stempel von Platos Geiste trägt. Natürlich müssen wir uns beschränken. Schleiermachers Platonis- mus auch auf dem ethischen Gebiete zu verfolgen, würde uns viel zu weit führen. Wir bleiben auf dem Gebiete der philosophia prima und legen also die Dialektik Schleiermachers bei unserem Ver- gleiche zu Grunde. Der Weg, den wir dabei gehen wollen, soll der sein, dass wir die Gesamtheit der Philosophen von verschiednen Gesichtspunkten aus in Gegensätze zerfällen. Wir werden dann sehen, wie Schleiermacher immer auf der Seite des Gegensatzes sich befindet, wo auch Plato steht. Dass wir bei dem Vergleiche unter den übrigen Philosophen Spinoza und Kant besonders berück- sichtigen, wird nach der Lage der Sache nicht befremden.

Der Gegensatz, den wir zuerst betrachten wollen, bezieht sich auf die Methode des Philoso- phierens. Wenn wir diesen an die Spitze stellen, so thun wir es darum, weil hier ein Begriff zur Sprache kommen muss, der, obwohl eigentlich anderswoher in ihm entstanden, doch dem ganzen Philosophieren Schleiermachers seine bestimmte Richtung gegeben hat und daher gewissermassen für den Ausgangspunkt desselben anzusehen ist. Es ist der Gegensatz zwischen der dogmatischen und der heuristischen Methode des Philosophierens. Unter dogmatischer Methode verstehen wir mit Schleiermacher ³7) das schon oben erwähnte Verfahren derer, welche von einem festen Punkte aus- gehen, einem sogenannten Grundsatze, der, ohne doch selbst in einem früher Gedachten enthalten gewesen zu sein oder daraus entwickelt werden zu können, das Wesentliche des Wissens so enthalten soll, dass sich alles Weitere daraus entwickeln lässt. Die heuristische Methode besteht ihrem Wesen nach darin, 38)»dass sie nicht von einem festen Punkte aus anhebend nach einer Richtung fortschreitet, sondern bei der Bestimmung jedes Einzelnen von einer skeptischen Aufstellung anhebend durch ver- mittelnde Punkte jedesmal die Principien und das Einzelne zugleich darstellt und wie durch einen elektrischen Schlag vereinigt.« Der Schnitt, welcher diesen Gegensatz hervorbringt, scheint zwar etwas unglücklich geführt zu sein, da auf die eine Seite eigentlich nur Plato zu stehen kommt. Zudem dürfte vielleicht Platos Art und Weise von dem zufälligen Umstande abhängen, dass die Untersuchungen in seinen Werken hauptsächlich von Sokrates geführt werden, welcher im Besite der Idee des Wissens, aber ohne nennenswertes reales Wissen, notwendig auf ein solches Suchen angewiesen war, wie es sich in der heuristischen Methode darstellt. Daher scheint dem aufgestellten Gegensatze keine Bedeutung zuzukommen. Schleiermacher selbst aber misst ihm grosse Bedeutung bei, und bei ihm war es jedenfalls nicht zufällig, dass er hierin auf die Seite Platos trat. Die heuristische Methode hängt aufs genaueste zusammen mit jener Idee, die eine so grosse Rolle in Schleiermachers Denken spielt, der Idee der Eigentümlichkeit. Der Gedanke, dass»die Menschheit nicht eine gleich- förmige Masse sei, die nur äusserlich zerstückelt erschiene, während doch innerlich alles dasselbe sei; dass die besondere geistige Gestalt der Menschen nicht ohne inneren Grund auf äussere Weise nur durch Reibung und Berührung sich zur zusammengehaltenen Einheit der vorübergehenden Erscheinung bilde; dass vielmehr jeder Mensch auf eigne Art die Menschheit darstellen solle in eigner Mischung

37) Dialektik p. 594. 3s) Grundlinien p. 336.