4 der das Wesentliche des Wissens so enthalten soll, dass das Weitere sich daraus entwickeln lässt, mõögen sie ihn nun Wissenschaftslehre nennen oder Logik oder Metaphysik oder Naturphilosophie oder wie sonst immer, hierbei einen sogenannten Grundsatz an die Spitze stellen als denjenigen, mit dem das Wissen notwendig anfange.«»Denn alle diese befinden sich in demselben Falle, dass sie alles, was von diesem Punkte ausgeht, gänzlich und zwar als das reine Denken von allem übrigen isolieren.«»Sagen wir uns daher von der gänzlichen Isolierung des Wissens los: so können wir auch dieses Verfahren weder loben, noch selbst nachahmen.«»Bedenken wir nun noch, dass diese An- fänge, wenngleich aus dem tiefsten der Begeistung hervorgehend, doch ihrer Entstehungsart nach, da sie eigentlich, um es herauszusagen, Einfälle sind, sich ganz dem Gebiet des freien oder künst- lerischen Denkens anschliessen: so werden wir keinen grossen Anstand nehmen dürfen. zu erklären, dass die weiteren Entwicklungen solcher Anfänge, so betrachtet, einen hohen Wert haben können als Kunstwerke«, aber nicht»für Darstellungen des Wissens selbst gelten dürfen.« Und p. 609:»Statt eine Wissenschaft des Wissens aufzustellen in der Hoffnung, dadurch von selbst dem Streite ein Ende zu machen, gelte es nun, eine Kunstlehre des Streitens(also Wissenschaftslehre, vgl. auch§ 47 der Dialektik) aufzustellen in der Hoffnung, dadurch von selbst auf gemeinschaftliche Ausgangs- punkte für das Wissen zu kommen. Ein Standpunkt, von welchem aus die alte Philosophie schon einmal ihren Lauf begonnen hat, den sie aber zu zeitig scheint verlassen zu haben.« Dass man zur alten Philosophie zurückkehren müsse, sagt er anch§ 44:»Ein positives Einlenken muss sich an das Alte anschliessen mit beständigem Festhalten des unterscheidenden modernen Faktum. Also das einwohnende Sein Gottes als das Princip alles Wissens, aber dieses Princip nicht anders haben wollen als in der Construktion des realen Wissens.« Unter den Alten ist es nun eben Plato, an welchen er dabei denkt. Plato ist ihm gewissermassen der Philosoph xz' esoziv.»Plato,« schreibt er, 34)»ist der Vater der Weisheit und für mich noch immer die erste und höchste Liebe in dieser Weltgegend.« Noch immer, denn diese Liebe war schon alten Datums. Er schreibt: 35) Ueberhaupt lerne ich täglich den Platon besser verstehen, so dass mir darin nicht leicht jemand gleich kommen möchte. Das Prophetische im Menschen und wie das Beste in ihm von Ahndungen ausgeht, ist mir aus diesem Beispiele ganz aufs neue klar. Wie wenig habe ich den Platon, als ich ihn zuerst auf Universitäten las, im ganzen verstanden, dass mir wohl oft nur ein dunkler Schimmer vorschwebte, und wie habe ich ihn dennoch schon damals geliebt und bewundert, und wie habe ich über Kant, den ich damals auch etwa mit ebensoviel Glück und Kraft studierte, ganz dasselbe Gefühl gehabt von seiner Halbheit, seinen Verwirrungen, seinem Nichtverstehen anderer und seiner selbst, wie jetzt bei der reifsten Einsicht.« Und an die Herz schreibt er: 36)»Das hatte ich gewusst, und wie hätte ich es nicht wissen sollen, dass der Platon, vorzüglich diese Art von Gesprächen, zu denen der Kri- ton gehört, Sie sehr gross und schön afficieren würde. Gern, gar gern wäre ich Zeuge gewesen von dem ersten Opfer Ihrer Gefühle für den hohen Geist; denn dies erste kommt doch so nicht wieder. — An das Griechische sind Sie nun gefesselt, der Platon bindet Sie auf ewig und viel fester als Homer.« In demselben Briefe redet er von einem grossen Coup, den Schlegel mit ihm vorhabe, und das sei nichts Geringeres, als den Plato zu übersetzen.»Ach! es ist eine göttliche Idee! und ich glaube wohl, dass es wenige so gut können werden als wir, aber eher als in einigen Jahren wage ich es doch nicht zu unternehmen, und dann muss es so frei von jeder äusseren Abhängigkeit unter-
34) Briefe I. p. 353.— 55⁵) Briefe I. p. 328.— 3⁶) Briefe I. p. 227.


