Jahrgang 
1882
Einzelbild herunterladen

damals arbeitete, in fortwährender Polemik gegen Kant begriffen. Und welcher Art ist diese Kritik! Er bricht im Grunde über Kant als Ethiker vollständig den Stab. Derselbe verstehe sich weder auf den Begriff des: höchsten Gutes, 22) noch auf den der Tugend,) und»den ganzen Pflichtbegriff, den einzigen. mit dem er noch umzugehen wisse, habe er sich ebenfalls verdorben.« ²4) Es zeige sich bei ihm»die Trennung dessen, was vereinigt sein sollte und die schlecht verkittete und über- tünchte Verknüpfung dessen, was gesondert sein müsste.«²⁵) Er besitze das Vermögen nicht, andere Systeme zu beurteilen, sondern messe alles nach seinem eignen Massstabe; auch zeige er eine auffallende Unkenntnis alter und neuer Schulen. 2) So wenig wie als Ethiker findet Kant auch als Philosoph im allgemeinen Gnade vor Schleiermacher.»Er redet zwar mit nicht geringem Nachdruck von einer Architektonik der Vernunft, möchte aber dennoch, sokratisch befragt, mehr ein Begeisterter als ein vernünftig Wissender zu sein scheinen, und zwar vielleicht aus Mangel an Begeisterung und Ueberfluss an Vernunft. Wenigstens kann, was er sagt, nicht dazu dienen, die Notwendigkeit irgend einer einzelnen Wissenschaft ins Licht zu setzen oder den Kreis, innerhalb dessen sie alle befasst sein müssen, aus seinem Mittelpunkte zu zeichnen.«²⁷7) Desgleichen nicht als Metaphysiker. Wenn Kant sagt: 28)»Die Metaphysik ist hierbei selbst nur die Idee einer Wissen- schaft, als Systems, welches nach Vollendung der Kritik der reinen Vernunft aufgebaut werden kann und soll, wozu nunmehr das Bauzeug(nämlich die Ideeen Gott, Freiheit, Unsterblichkeit) zusamt der Vorzeichnung vorhanden ist, ein Ganzes, was gleich der reinen Logik keiner Vermehrung weder be- dürftig noch fähig ist« u. s. w., so lässt sich Schleiermacher mit Bezug darauf also vornehmen:»Es möchte schwer zu begreifen sein, wie die Ideeen von Freiheit, Unsterblichkeit und Gott für das höchste Ziel alles Bestrebens der beschauenden Vernunft zu halten sind,« und ferner:»Es lasse sich nicht jemand verleiten, zu glauben, jene Physikotheologie oder transcendentale Theologie, welche doch zuletzt der Schlussstein in dem Gewölbe des Wissens sein soll, sei in diesem Weltweisen und für ihn wirklich etwas. Sie ist freilich die glückliche Stelle, von welcher aus andere das gesehen haben, was auch er sucht, nur dass er auf seinem Wege niemals dorthin gelangen konnte. ²9) Kant erklärt für die beiden Angeln der Metaphysik erstens die Lehre von der Idealität des Raums und der Zeit, zweitens die Realität des Freiheitsbegriffes. 30) Wie Schleiermacher über die eine von diesen Angeln denkt, haben wir schon gesehen. Was die andere betrifft, so ist einerseits Schleiermacher nahe daran, die Priorität dieser Erfindung Kant abzusprechen und Spinoza zuzuweisen, ³¹) andrerseits aber will er von der Idealität von Raum und Zeit nichts wissen. 3) Wir haben hier ja nicht zu untersuchen, inwieweit diese Kritik Schleiermachers an Kant stichhaltig ist; aber soviel dürfte klar sein, dass unter solchen Umständen Schleiermacher für alles andre eher zu halten ist, als für einen Kantianer. Es ist freilich nicht nur Kant, es ist vielmehr die ganze neuere Philosophie, gegen welche sich Schleiermacher im Grunde ablehnend erhält. Das z060/%*500s derselben, wie der Herausgeber der Dialektik sagt, 33) glaubte er in der Annahme einer absoluten Trennung zwischen gemeinem und philosophischem Wissen zu erkennen. Man vergleiche die§§ 38 43 in der Dialektik. Besonders klar und zusammenhängend spricht sich Schleiermacher p. 594 f. der Dialektik darüber aus.»Wir sagen uns los von dem Verfahren aller derer, welche, indem sie einen Inbegriff von Sätzen aufstellen,

) Grundl. p. 49 u. 94. 23) Grundl. p. 155. ²⁴) Grundl. p. 131. ²⁵) Grundl. p. 315. 2²⁶) Grundl. p. 38. 27) Grundl. p. 20. 2²⁸) Kants sämtl. Werke III. p. 476 vgl. p. 403. 2²⁰⁹) Grundl. p. 21 u. p. 22 f. vgl. auch die oben citierte Stelle aus der Dialektik§ 229. 3³⁰) Kants sämtl. Werke III. p. 477. 3³¹) Vgl. Geschichte der Philosophie p. 300. ³²) Dialektik p. 335 ³³) Dialektik p. 25. Anm.

1*£