Jahrgang 
1874
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der stellt ihn müde einen Augenblick zur Erde. Eine wunderbare, grosse Zeit! Wie sollen wir sie nur begreifen? Denn gern nähmen wir an, dass des Phidias Kunst, wie Athene, vollendet aus des Meisters Haupt geboren sei, aber es war nicht so: viele Generationen haben in mühevoller Kunst- übung und langsamem Fortschritt gearbeitet und gesät, bis Phidias die reife Frucht brach, an der wir uns noch freuen dürfen und die noch immer voll keimfähigen Samens steckt.

Und nun noch einen Blick durch die Säulen hindurch, auf das blaue Meer zu unsern Füssen, Aégina und den Peloponnes, dann steigen wir die gewaltigen Marmorstufen der Nordseite des Tempels hinab, die in ihrer ganzen Länge vollgestellt sind mit Sculpturfragmenten, Architekturresten, Inschriftsteinen, wir klettern über die Säulentrommeln und Marmorblöcke, die die Macht des Pulvers strahlenförmig umhergestreut hat, suchen die Stelle auf, wo der grosse Opferaltar stand, östlich vom Parthenon, auch die Trümmer eines kleinen ionischen Rundbaus aus der Römerzeit(s. Plan e), und gelangen dann zu dem Erecht heion(s. Plan 2; auf unserer Vignette sieht ganz links noch ein Theil des Baues hinter den Propyläen hervor). Hier war die uralte Cultusstätte, Athens grösstes Heiligthum, hier stand das vom Himmel gefallene uralte Holzschnitzbild der Athene, hier sind noch im Felsboden sichtbar die flachen Löcher, die einst gläubige Gemüther verehrten als die Spuren vom Dreizack Poseidons, der hier im Streit mit Athene seine Salzquelle schuf, hier stand des Zeus Altar, auf dem nichts Blutiges geopfert werden durfte, hier prannte die ewige Lampe zu Ehren Athenes, hier war das Grab des Erechtheus, des mythischen, halbgöttlichen Königs, hier das Heilig- thum der Kekropstochter Pandrosos, der Thaugöttin, hier grünte der heilige, von Athene geschaffene erste Oelbaum; als unter Perikles der Neubau auch dieses Heiligthums stattfand, da war es besonders schwierig, so vielerlei auf gegebenem, engem Raume durch ein einziges Haus zu umschliessen; wie glänzend ward auch diese Aufgabe gelöst durch den kleinen, dreifach gegliederten Prachtbau des Erechtheion! Vieles ist zerfallen von diesem Tempel, leider zumeist erst in unserem Jahrhundert: die türkischen Bomben haben in den Freiheitskriegen hier gewüthet, zuletzt riss noch 1852 ein Orkan die Westwand nieder; vorher hatte der Umstand geschützt, dass auch dies Gebäude eine christliche Kirche geworden war, und später Palast des Pascha. Der östliche Theil des Tempels hat eine Vorhalle von sechs in einer Reihe stehenden ionischen Säulen, es war wahrscheinlich die der Athene Polias geweihte Abtheilung(s. Plan B), dahinter lag im selben Raume, doch mit bedeutend höherem Niveau das Heiligthum des Erechtheus, eine Vorhalle von sechs ionischen Säulen, vier in der Fronte, je eine an den Seiten, führt hinein durch eine noch wohlerhaltene, prächtige, vier- eckige, nach oben verjüngte Thür. Die dritte Abtheilung des Raumes, die Südwestecke, war das Heiligthum der Pandrosos, es hat eine von aussen unzugängliche, unbedeckte Vorhalle, die nach manchen Zerstörungen jetzt wieder völlig hergestellt ist, von einer über jede Beschreibung reizenden Wirkung, das Gebälk wird statt der Säulen von sechs Mädchen(·οαα) getragen. Wie sie so still stehen, die hehren majestätischen Jungfrauen, so anmuthig und feierlich, so gar nicht bedrückt von der leicht und zierlich schwebenden Steinlast; eine der Jungfrauen ist Nachahmung, die echte hat Elgin geraubt, an einigen anderen ist restaurirt.

Und nnn müssen wir noch etwas verweilen bei der Rundsicht, welche die Höhe der Burg gewährt, nirgend besser als hier vermögen wir uns über das gesammte Attika, ja ich möchte sagen