Jahrgang 
1874
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die Reste des Alterthums von den späteren Zuthaten zu befreien. Da stehen sie denn, weitschauend über Meer und Land; wo einiger Schutz gegen die Wetterseite ist und keine gewaltsame Zerstörung gewaltet hat, da ist bis heute noch von Verwitterung nichts zu sehen; wie schnell plättert der Marmor ab im Freien, selbst in Italien noch; hier unter diesem Himmel litt er nicht, haarscharf sind noch die Cannelluren; wie eben fertig geworden so scharf z. B. das Riemengeflecht und der Blätterkranz an den ionischen Säulen des Erechtheion; an vielen Säulen stehen die Trommeln noch so fest aufeinander, dass das Auge kaum die Fuge findet, die der darüberfahrende Fingernagel nicht zu fühlen vermag. Und doch ist kein Mörtel verwandt zu all diesen Bauten, die gewaltigen Platten und Blöcke sind übereinander, aneinander gesetzt, gefalzt, höchstens mit Eisenklammern gehalten, sie stehen da, wie die Hölzer aus einem Riesenbaukasten, und doch haben die Jahrtausende umsonst daran gerüttelt. Welch ein Bau ist das! Nur Bestes bekamen die Götter! Wie bis aufs Haar genau muss hier gezeichnet, berechnet, gemeisselt worden sein: doppelt zu verwundern, wenn man bedenkt, wie sehr dies Bauwerk die Merkmale des Organischen an sich trägt: seine Maasse sind gegenseitig alle incommensurabel, nirgends Schablone, beduem wiederkehrende Verhältnisse, was doch so nahe lag! Jede Säule beinahe hat andere Dimensionen, keine steht senkrecht, aller Häupter leicht nach innen geneigt, gleichsam gegen die Last gestemmt, alle verjüngt nach oben; die Profile der Säulen bilden krumme Linien, da die Säule in der Mitte leise anschwillt; der mächtige Architrav, ja der Stylobat sogar bildet keine gerade Linie, sondern das geht alles in leisen, aber bestimmt gewollten und berechneten Schwingungen! Und die technischen Schwierigkeiten: die gewaltigen Blöcke meilenweit herbeizuschaffen, sie hinaufzuwinden in luftige Höhen, denn die Giebelspitzen stehen doch immerhin 68' über dem Fussboden des Tempels. Jede Säule besteht aus mehreren Trommeln; um die Adhäsion derselben aufs höchste zu steigern, ist in der Mitte der Trommeln ein quadratisches Loch, durch das ein in die folgende Trommel passender Holzzapfen geht, ein innerer Kreis um dieses Loch ist matt geschliffen, der äussere Kreis aber spiegelglatt polirt; die Cannelluren wurden erst gemacht, wenn die Säule an ihrem Ort aufgerichtet stand.

Noch manches immerhin von des Phidias Schmuck hat alle, alle Zerstörung überdauert hier oben, im Westgiebel stehen freilich nur noch zwei einsame verstümmelte Figuren, auf der Wendel- treppe des Minarets ist es möglich, bis auf den Geison zu klimmen und zu den Figuren zu gelangen; die Metopen mit Ausnahme derer der Südseite sind noch an Ort und Stelle, allein bedenklich, meist bis zur Unkenutlichkeit, verwittert; ferner ist der Cellafries der Westseite noch am alten Platze; im Innern des Gebäudes, leider ohne Schutz, in Athen hat man Uniyversität, Sternwarte, Mini- sterien etc. gebaut, doch bisher kein ausreichendes Museum sind ebenfalls noch eine Reihe Fragmente und Friesplatten aufgestellt, reitende Jünglinge, Weinträger, Opferkühe und vor allem eine der herrlichsten Gruppen von der Ostwand, Götter auf Stühlen sitzend, dem Festzug entge- gensehend, Poseidon und Apollon und(wahrscheinlich) Peitho, Aphrodites Begleiteriu, der letzteren Kopf besonders von wundervoller Schönheit, beseeltes Leben athmet aus jeder Linie. Wunderbar, dieser Festzug: nichts ermüdendes, ceremonielles, so zu sagen officielles in den zahllosen, gewiss treu wiedergegebenen Gruppen, überall erfrischendes Leben, feine individuelle Züge, man sehe z. B. die Krugträger, wie einer den Krug so hält, der andere so, dem droht er von der Schulter zu gleiten,

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