Jahrgang 
1874
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Wir steigen die Treppe hinan, die wir rechts erblicken, welche antik, doch nicht mehr die ursprüngliche isb; auf ihrer Höhe mit einem grossen Schritt rechts abbiegend, schwingen wir uns auf den oben erwähnten Mauerkopf, er trägt ein reizendes, auf drei Stufen sich er- hebendes ionisches Dempelchen S von nur 27 Höhe und 18 Breite, 4 2e 1[O[Ojj n einst der Nike apteros, der Nall ungeflügelten Siegesgöttin, die nie

von hier entfliegen sollte, geweiht F e U.,

(vgl. Plan 4; auch die Vignette Grundriss der Akropolis.

lässt den Tempel deutlich erkennen); es hat keinen Säulenumgang, sondern nur an der Vorder- und Rückseite eine Vorhalle von je vier schlanken ionischen Säulen(amphiprostylos). Das Tem- pelchen war von den Türken abgerissen und in eine Bastion verbaut worden, erst im Jahre 1835 haben es drei Deutsche, der Archäolog Ross und die Architekten Hansen und Schaubert, wieder ziemlich vollständig aus den noch vorhandenen Stücken zusammengesetzt. Die Marmorbalustrade, welche bis ans Ende des Mauerkopfs reichte, ist noch zum Theil vorhanden, sie trägt den Relief- schmuck geflügelter Siegesgöttinnen, in verschiedenen Stellungen und Beschäftigungen, die eine führt einen Opferstier, die andere bekränzt ein Tropäon, eine dritte, im eiligen Lauf gehemmt durch das Losgehen einer Sandale, nestelt sich dieselbe wieder fest, letztere besonders eine ausserordentlich herrliche Gestalt: wie die Faltén des vorher wehenden, jetzt plötzlich in eine andere Lage gebrachten Gewandes sich um den hinreissend schönen göttlichen Leib schlagen, das ist ganz wunderbar wieder- gegeben, das ist kein Stein, sondern Leben, warmes, anmuthsvolles Leben. Doch beinahe mehr noch als das Tempelchen fesselt uns der Blick über das dunkelblaue Meer, das wir gerade hier auch dem Pausanias, der vor 1700 Jahren hier stand, fiel das auf zum erstenmal wieder begrüssen. Hier zu sitzen und das Auge schweifen zu lassen über die Wellen des Meeres, den Geist über die Wellen der Zeiten, wie schön! Von hier stürzte sich nach der Sage der alte König Aegeus verzweiflungsvoll herab, als das schwarze Segel auftauchte, das ihm zu sagen schien: Theseus, dein Sohn, ist todt! Wir wenden uns zurück zu den Bauwerken. Nicht blos den Wieder- aufbau der durch die Perser zerstörten Tempel hielt das athenische Volk für seine Ehrenpflicht, sondern den schöneren Wiederaufbau. Doch war es vor allem ein Mann, der dies betrieb: Perikles! Ohne Perikles hätte es keine Propyläen, keinen Parthenon gegeben. Er liess nach der gewöhnlichen Annahme 448, nach den Untersuchungen von Michaelis in seinem Werk über den Parthenon schon 454 die grossartige Bauthätigkeit sich entfalten, wie sie Plutarch uns so anschaulich schildert. Im Jahre 438 stand der Tempel der jungfräulichen Göttin Athene, der Parthenon(Plan 1) vollendet da, gebaut von Iktinos unter Beihülfe des Kallikrates, sechs Jahre später auch die Propyläen(Plan 3),