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wo eine Einsattelung die Brücke bildet zu den westlich daran sich anschliessenden Felshügeln, die obere Fläche dieser Felsmasse ebenfalls ganz abschüssig, stark nach Westen zu gesenkt, das wäre ungefähr der Burgfelsen von Athen, die Akropolis. Ein so gestalteter Fels ist eine natürliche Festung und musste in der Urzeit eben so unfehlbar zur Besiedelung ausersehen werden, als er im Mittelalter mit einer Ritterburg gekrönt worden wäre. In der That ist hier oben und auf den benachbarten Felshügeln das älteste Athen zu suchen, hier stand des Theseus Burg und die Tempel der athenischen Götter; als aber keine Könige mehr über Athen herrschten, blieben nur die Götter oben wohnen. Manches geschah, um die Festigkeit des Felsens künstlich zu verstärken: wir finden die Felswände hier und da geglättet, das Plateau möglichst geebnet, ringsum oben gewaltige Mauern aufgeführt; es sind noch die alten Mauern, die wir da vor uns sehen, mit ringsum laufenden, unregelmässigen Zinnen; noch sehen wir, eingemauert in die Nordmauer, die Themistokles rasch bauen liess, nachdem die Perser die ganze Burg verwüstet hatten, eine Masse Säulentrommeln, Architravstücke und Triglyphen, die von den älteren dorischen Tempeln herrühren; die Südmauer baute Kimon; mächtige Bastionen und Thürme schützen die den feindlichen Angriffen ausgesetzte Westseite, majestätisch überragen die gewaltigen Trümmer des Parthenon, dessen Ost- und West- giebel stehen, dessen Mitte aber herausgerissen ist, hoch die Felsen und das Gemäuer. Wir steigen von Westen her die Burg hinan; in dem Sattel angelangt zwischen Burg und den westlicheren Felshügeln, stehen wir vor einem Complex wildzerrissener Felsblöcke von mässigem Umfang, es ist der Areopag. Düstere Sagen umschweben diesen Ort, ihn weihte Athene selbst zur Richtstätte für Blutschuld, hier ist der Schauplatz der»Eumeniden« des Aeschylos, das Heiligthum dieser furcht- baren Göttinnen war in der Schlucht der nördlichen Felswand. Kunstlos in die Risse des Felsens eingehauen, führen 16 Stufen hinauf(auf unserer Vignette ist links im Vordergrund der Areopag mit diesen Stufen angedeutet); diese selbigen Stufen schritten seit grauester Vorzeit nächtlicherweile die obersten Richter Atheus, die Richter des Areopags, hinan, um oben auf der schmalen, engen, unebenen Felsfläche über Blutschuld zu richten. Die urwüchsige Düsterheit des Orts mochte wohl. geeignet sein, das fromme Volk der alten Athener mit ehrwürdiger Scheu zu erfüllen. Hier stand nach Apostelgeschichte cap. 17 auch Paulus, und redete die berühmten Worte an die»Männer von Athen«. Es lässt sich freilich nicht wohl annehmen, dass er oben auf dem schmalen Felsen gestanden habe, wo ja nur sehr wenige Zuhörer Raum gefunden hätten, eher am nördlichen Fuss des Felskopfes, wo eine ihm geweihte Kapelle an diese Predigt erinnert, denn hier öffnete sich ja der Blick auf die Agora, den berühmten, prächtig geschmückten Marktplatz Athens.
Wir schreiten voran und stehen bald am Burgthor, einem gewölbten nicht antiken Gang; Invaliden wohnen hier als Hüter der Ruinen, sie übernehmen unsere Führung(das untere alte Burgthor ist auf dem Plan mit a bezeichnet); eine zweite Thür führt nun in den Bezirk der Burg, der Weg geht um einen weit vorspringenden Mauerkopf, eine Art Bastion, dann stehen wir vor den Propyläen, den alten Thorhallen der Akropolis; wir erkennen die Spuren des alten hier hinan- führenden Burgweges, den einst am Feste der Panathenäen der Festzug hinanwandelte. Rechts und links führten prächtige Marmortreppen hinan, inmitten aber eine Rampe für die Opferthiere und Reiter, noch sieht man die Rillen und Vertiefungen, eingefurcht von den unzäühligen Hufen.


