11 erhöht. Mit 20 Cannelluren wachsen die mit dem Kapitäl etwa 19 Fuss hohen, nach oben sich verjüngenden, prächtigen dorischen Säulen ohne Basis stolz und ehrwürdig aus der obersten Stufe des Unterbaues, sie tragen die mächtigen Steinbalken, den Architrav, darauf ruht das charakteri- stische Bauglied des dorischen Styls, die Triglyphen oder Dreischlitze; die Oeffnungen zwischen je zweien sind verschlossen durch quadratische Marmorplatten, Metopen, die in erhabener Arbeit an der Vorder- oder Ostseite zehn Thaten des Herakles zeigen, an der Nord- und Südseite je vier Thaten des Theseus, alle anderen Metopen ermangeln des Reliefschmuckes, sie waren wohl nur mit Malereien geziert. Die östliche und westliche Anssenwand der Cella trägt einen Fries in hohem Relief, Kämpfe der Lapithen und Centauren, Göttergruppen und ähnliches darstellend; ich muss es mir versagen, näher darauf einzugehen. Ueber Metopen und Triglyphen ruht, mächtig ausladend, der Geison oder das Kranzgesims, und darauf der flache dreieckige Giebel; keine Akroterien und keine Palmetten und Greife krönen ihn mehr, auch die freistehenden Figuren sind verschwunden, die einst ihn schmückten. Verschwunden ist auch die ganze Farbenpracht der Malerei, welche stets einen Hanptschmuck der griechischen Tempel bildete, so waren die Triglyphen dunkelblau, die Reliefs der Metopen erhoben sich auf rothem Grunde, goldene Schilde hingen am Architrav, Stier- schädel und Kränze, Mäander schlangen sich um das Gebälk, zurückgebogene Blätterkränze um die Kapitäler, an Vergoldung fehlte es nicht. Gleichwohl macht noch heute dieser Tempel mehr als irgend ein anderer den Eindruck der Vollendung. Stillen heiligen Gottesfrieden, erhabenen Ernst, ja Majestät strömt er gleichsam aus, und doch sind es nicht seine Maasse, welche dieses bewirken — nur 100 Fuss in die Länge, 44 in die Breite misst das Theseion— sondern die dorischen Tempelbauten tragen in sich, in ihren Verhältnissen und ihrer Gesammtanlage, jene Grossartigkeit und Erhabenheit.
Im Innern des Tempelhauses finden wir in sehr gehäufter Aufstellung, welche das Betrachten des Einzelnen leider erschwert, eine Unmasse attischer Sculpturen, wie sie der noch wenig durch- wühlte Boden Griechenlands beinahe täglich schenkt. Wir sahen hier das berühmte 1859 gefundene sogenannte eleusinische Relief, ferner das alterthümliche, aber ganz herrliche, noch mit theilweise unverletzter Bemalung geschmückte Grabrelief eines Marathonsiegers, und vor allem zahllose Grab- denkmäler, meist in Relief die Darstellung einer Familiengruppe oder eine Abschiedsscene tragend. Leise und zart, und doch unendlich tief ist der Trennungsschmerz wiedergegeben, kein Grauen und keine Verzweiflung gegenüber dem Tode, wie man es so oft als für die heidnische Weltanschauung charakteristisch hinstellt. Gerade solche herzlichen Darstellungen versöhnen uns mit der griechischen Religion, und flössen uns Achtung ein vor dem tiefen, innigen, religiösen Zuge, der durch das alt- attische Leben ging; nannte doch auch der Apostel Paulus die Athener dεασααανονεs(gottesfürchtig, nicht abergläubisch, wie Luther übersetzt).
Und nun hinauf, hinauf zu ihr, dem letzten herrlichen Ziel unserer ganzen Wallfahrt, zur schimmernden Burg, zur Akropolis!— Man denke sich eine ringsum freistehende Felsmasse von gelbbraunem Farbenton, die anfangs sanft, dann steiler und zuletzt ganz senkrecht bis zur Höhe von 470 Fuss aus der Ebene aufsteigt, oben etwa 500 Schritte lang und halb so breit, am Ost- und Westende sogar nur 100 Schritte breit, nur an der westlichen Schmalseite leicht zugänglich,
2*


