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schenmenge, voll kindlicher Freude über den noch neuen»G⁵σοπα; durch Oelwald und bebaute Felder gelangten wir in zehn Minuten nach Atheu und hielten am Tempel des Theseus still, denn da liegt der Bahnhof. Durch Vermittlung lieber Freunde hatten wir das Glück, statt im Gasthaus in dem Hause des Directors des botanischen Gartens, Herrn Professors von Heldreich, eines Deutschen, wohnen zu dürfen, der mit seiner liebenswürdigen Gemahlin, einer Griechin, in jecder Hinsicht sich unser annahm, uns begleitete, wenn seine Zeit es irgend gestattete, kurz uns mit Freundlichkeit überschüttete. Sein Haus liegt am Nordende des neuen Athens, eins der letzten Häuser, in einem Garten; vor sich hat es die attische Ebene, den Oelwald und den Hügel Kolonos mit seinen zwei schimmernden Marmorgrabsteinen. Wir hatten gedacht, nun endlich einmal in die weite Welt zu kommen, wo niemand um einen sich kümmert; wie überraschte es uns, unter lauter freundlichen Menschen uns zu finden, die uns gastlich willkommen hiessen. Da war der junge lutherische Hofprediger des Königs, Herr Gossrau aus der Provinz Sachsen, da die Familie des aus Essen stammenden Buchhändlers Herrn Wilberg, da Herr Professor Rusöõpulos, der bekannte Archäolog, dessen Gemahlin eine Göttingerin ist, Herr Professor Postoläka und audere, die bereitwilligst ihre eigenen Sammlungen wie die Universitätsinstitute uns zeigten und erklärten, da der Licentiat der Theologie Herr Zungras, der uns in die Geheimnisse der neugriechischen Sprache systematisch einzuweihen suchte, soweit es die Kürze der Zeit erlaubte, auch aufs freund- lichste bei Ausflügen unsern Führer und Dolmetscher machte. All diesen Männern und Frauen, die unseren Aufenthalt damals so verschönten, und ihm durch reiche Belehrung aller Art erst vollen Werth gaben, herzlichen Dank und Gruss aus der Ferne! Wie gerne, wenn es der mir zugewiesene Raum gestattete, würde ich gerade aus dem modernen Athen einige Beobachtungen mittheilen, allein ich muss mich wohl bescheiden, denn wer von Athen erzählt, der will doch in erster Linie etwas von den Resten alter Herrlichkeit sagen: so lasst uns denn unsere Schritte vor allen Dingen nach der Akropolis lenken!
Nicht ganz vorübergehen dürfen wir, ehe wir dahin gelangen, an dem Theseustempel (O/Gεααον), der sich an dem nordwestlichen Fusse der Burg auf einem etwas erhöhten Punkt der Ebene erhebt: ist es doch der einzige griechisch-dorische Tempel. der uns beinahe unversehrt aus dem Alterthum erhalten ist. Das macht, im Mittelalter war Theseus einem christlichen Heroen, dem Drachentödter Georg, gewichen, man hatte das Theseion in eine Kirche verwandelt, und dieser Umstand schützte es sogar während der Türkenzeit. Das neue Hellas entfernte die störendsten Anbauten und Veränderungen, welche zur Anpassung an die Zwecke des griechisch-katholischen Cultus vorgenommen worden waren, und richtete den so restaurirten Tempel als Museum ein. Das Theseion ist nach den Perserkriegen gebaut, etwa 30 Jahre vor dem Parthenon, seine Verhältnisse sind noch gedrungener und stämmiger. Es ist ein peripteros d. h. rings von Säulen umgeben, je 6 an den schmalen, je 13 an den langen Seiten, wenn wir die Ecksäulen doppelt zählen. Auf drei mächtigen Stufen aus piräischem Tufstein, von denen freilich die unterste jetzt verschüttet ist, erhebt sich der Bau aus weissem pentelischen Marmor; durch Oxydirung darin enthaltener Eisen- theilchen hat im Lauf der Zeit der Stein jenen prächtigen goldig-bräunlichen, honigfarbenen, satten Rostton angenommen, der dem pentelischen Marmor eigenthümlich ist und seine Wirkung wesentlich


